News
 

Analyse: Merkel sorgt sich um das Stromnetz

Bundeskanzlerin Merkel: betrübt über die Widerstände gegen den notwendigen Stromnetzausbau.Großansicht

Berlin (dpa) - Im Wirtschafts- und im Umweltministerium wird gerechnet, geprüft und analysiert. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) versucht am Samstag die Deutungshoheit zu gewinnen.

Er sieht in dem nun vorliegenden Gutachten zu den Energieszenarien ein klares Votum für mehr als zehn Jahre längere Atom-Laufzeiten. Andere Koalitionspolitiker hingegen sehen die Vorteile längerer Laufzeiten durch die Expertise nicht bestätigt. Auch wenn nun weiter hin- und herdiskutiert werden dürfte - die Atommeiler werden wohl einige Jahre länger am Netz bleiben.

Aber jenseits des Atomstreits wird ein anderes Problem weitgehend ausgeblendet. Deshalb versucht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) das Augenmerk darauf zu lenken: Betrübt sei sie über die Widerstände gegen den notwendigen Stromnetzausbau in Deutschland, sagte sie zum Abschluss ihrer jüngsten «Energie-Reise».

Die mangelhaften Netze liefern den Konzernen gute Argumente dafür, den Ausstieg aus dem Atomausstieg zu fordern. Denn für einen raschen Umstieg auf Ökostrom fehlen ausreichende Stromtransportleitungen und -speicher. Deshalb brauche Deutschland länger Atomstrom, argumentieren die Atom-Befürworter.

Mehrere Landesregierungen wiederum werfen der Bundesregierung vor, ihr Energiekonzept nur um die Verlängerung der Laufzeiten herum zu stricken. Ein wirklicher Anreiz für den schnellen Ausbau neuer Leitungen, der für mehr Öko-Strom notwendig ist, werde so behindert.

Letztlich hängt die Lösung vom Willen der Energiekonzerne ab. Mit entsprechenden Leitungen würde der Preis für erneuerbare Energien laut des Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) spätestens ab etwa dem Jahr 2030 billiger als Atom- oder Kohlestrom. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung beziffert die fehlenden Ausgaben für den Netzausbau auf 20 Milliarden Euro.

Während bisher der Strom in hohem Maße im Süden hergestellt wird, etabliert sich nun mit der Offshore-Windkraft ein Produktionszentrum in der Nordsee. Und statt großer Kraftwerke entstehen überall im Lande dezentrale Produktionsflächen auf der grünen Wiese. Befürchtet wird von Atombefürwortern, dass das Netz ohne den kontinuierlich vorhandenen Atomstrom den Schwankungen bei der Ökostrom-Einspeisung nicht standhalten und es zu Blackouts kommen könnte.

Leitungsnetze wurden früher nach dem Bedarf ausgelegt - niemand ahnte, dass eines Tages in dünn besiedelten Gegenden derart große Stromerzeugungsanlagen installiert würden. In Dardesheim (Sachsen-Anhalt) etwa zeigen sich die neuen Herausforderungen durch den massiven Zuwachs bei den erneuerbaren Energien. Der Windpark auf dem Druiberg erzeugt 40 mal mehr Strom als die 1000 Einwohner brauchen. Der regionale Energieversorger im Harz, Eon Avacon, hat bisweilen Probleme, die produzierte Strommenge abzutransportieren und in die Netze einzuspeisen.

Der Aufbau neuer Netze kann wegen komplizierter Genehmigungsverfahren 10 Jahre dauern. «Die Bundesregierung muss jetzt die Rahmenbedingungen für einen beschleunigten Netzausbau schaffen. Dazu gehört die Gründung einer unabhängigen Netz AG», fordert deshalb Greenpeace-Energieexperte Andree Böhling. «Es kann nicht sein, dass RWE und EnBW weiter die Übertragungsnetze besitzen und somit auch das Tempo beim Ausbau der erneuerbaren Energien beeinflussen.» Die Situation werde durch AKW-Laufzeitverlängerungen noch weiter verschärft, weil Atomkraftwerke nicht flexibel regelbar seien und deshalb immer häufiger Windkraftanlagen bei starkem Wind abgeregelt werden müssen.

Selbst wenn es zu dem von Merkel erhofften Netzausbau - dies könnte etwa Teil der nun diskutierten Selbstverpflichtung der Atomindustrie sein - kommen sollte, bleibt das Speicherproblem. «Absolut lösbar», sagt der Flensburger Professor Olav Hohmeyer, der Mitglied des Sachverständigenrates in Umweltfragen ist. Er war gerade in Norwegen, dort gebe es ausreichend Kapazitäten, überschüssigen deutschen Öko-Strom in riesigen Pumpspeicherwerken zu speichern und bei weniger Sonne oder Wind wieder ins deutsche Netz einzuspeisen.

«Bis 2020 braucht man noch recht wenig Speicher, weil es genug Kohle- und Atomkraftwerke gibt», sagt Hohmeyer. «Aber wir müssten jetzt beginnen, damit es bis 2020 entsprechende Leitungen nach Norwegen gibt», betont der Wissenschaftler und fordert: «Eine Regierung muss mehr tun, als über Atomlaufzeiten zu reden.»

Energie / Atom
28.08.2010 · 21:09 Uhr
[2 Kommentare]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
 

News-Suche

 

News-Archiv

 
Diese Woche
Letzte Woche
Vorletzte Woche
Top News

Weitere Themen