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Analyse: Merkel beklagt «schreckliche Tat»

Bundeskanzlerin Angela Merkel hält im Camp Marmal in Masar-i-Scharif eine kurze Ansprache an die dort stationierten Bundeswehrsoldaten. Foto: Bundesregierung/Steffen KuglerGroßansicht

Masar-i-Scharif (dpa) - Die Soldaten sind fassungslos. Einer ihrer amerikanischen Kameraden hat in Kandahar Frauen und Kinder erschossen. Weit weg vom deutschen Verantwortungsbereich im afghanischen Norden. Und doch ganz nah.

Denn der Amoklauf vom Vortag bestürzt auch Bundeswehrsoldaten in Masar-i-Scharif - ebenso wie Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Sie ist hier am Montag auf Blitzbesuch. Nicht angekündigt, weil die Sicherheitsbehörden Anschläge von Taliban-Kämpfern befürchten. Merkel telefoniert vom deutschen Feldlager aus mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai und drückt ihr Mitgefühl aus. Sie spricht von einer «schrecklichen Tat». Die Soldaten in Masar-i-Scharif, die ungenannt bleiben möchten, glauben, wer so etwas macht, muss selbst Schreckliches erlebt haben. Sie betonen, dass das keine Entschuldigung sei.

Das Massaker im Süden des Landes sorgt vor allem unter den machtlosen Afghanen für Wut und für Entsetzen. Die «New York Times» berichtet, der Feldwebel sei mitten in der Nacht in Häuser eingebrochen. Dort habe er kaltblütig schlafende Zivilisten erschossen. 16 Opfer beklagt die afghanische Regierung, darunter neun Kinder. Anschließend, so schreibt die «New York Times», habe der Angreifer mehrere Leichen verbrannt. Etwa die von vier Mädchen, die nicht einmal sechs Jahre alt wurden. Die Taliban schwören, jeden einzelnen Toten des Massakers zu rächen.

Völlig unklar ist, was den Amokschützen - der selber zwei Kinder haben soll - zu der Wahnsinnstat getrieben hat. Auch andere Fragen sind offen, etwa wie es dem Amerikaner gelingen konnte, mitten in der Nacht seine schwer gesicherte Basis zu verlassen, ohne dass ihn jemand aufhielt. Was aber klar ist: Das Vertrauen in die Ausländer, das wegen der Koranverbrennungen durch US-Soldaten schon schweren Schaden nahm, hat noch einmal dramatisch gelitten.

Die Abgeordneten im Unterhaus des Parlaments in Kabul kommen am Montag zu einer hitzigen Sitzung zusammen. Mehr als die Hälfte der Abgeordneten verlässt aus Protest gegen die Bluttat den Saal. Und das Unterhaus verabschiedet eine Resolution mit einer klaren Warnung an die ausländischen Truppen: Die Toleranzgrenze des afghanischen Volkes, heißt es in der Erklärung, sei nun erreicht.

Doch auch die ausländischen Soldaten haben in den vergangenen Wochen und Monaten gute Gründe gehabt, an ihren einheimischen Kameraden zu zweifeln. Immer wieder werden Soldaten der Internationalen Schutztruppe Isaf Ziele von hinterhältigen Angriffen. Alleine seit den Koranverbrennungen vor drei Wochen haben Angehörige der afghanischen Sicherheitskräfte sechs amerikanische Soldaten erschossen. Unter ihnen waren zwei Offiziere, die mitten in einem Hochsicherheitstrakt im Innenministerium ermordet wurden.

Partnering nennt die Isaf die militärische Hilfe, bei der die einheimischen Sicherheitskräfte ausgebildet werden und im Einsatz Seite an Seite mit den Ausländern stehen. Manche Isaf-Soldaten haben inzwischen ein ungutes Gefühl dabei. Wer weiß schon, ob nicht auch in der eigenen Partnering-Gruppe ein Afghane ist, der plötzlich die Waffe auf seine Ausbilder richtet?

Dabei gilt das Partnering als alternativlos, wenn die einheimischen Soldaten und Polizisten Ende 2014 die Verantwortung für die Sicherheit im ganzen Land übernehmen sollen - und den ausländischen Kampftruppen damit den Abzug ermöglichen. Merkel macht am Montag erneut klar, dass sie an dem Abzugstermin 2014 festhalten will - bei allen Schwierigkeiten, die sie sieht.

Und die Probleme sind gigantisch. Unklar ist, ob die Afghanen jemals wirklich selber für ihre Sicherheit werden sorgen können. Als riskant gilt der Plan der Nato, die Anzahl der afghanischen Soldaten und Polizisten nach 2014 wieder von 352 000 auf 230 000 zu reduzieren. Ein wesentlicher Grund für den Abbau nach dem Aufbau ist, dass niemand die gigantische Truppe auf Dauer finanzieren will - und die Afghanen werden das Geld dafür nicht haben.

Doch was passiert dann mit den überschüssigen mehr als 100 000 Mann, allesamt ausgebildete Kämpfer? Werden sie sich Milizen anschließen - oder gleich den Taliban? Gelingt eine wie auch immer geartete Aussöhnung mit den Aufständischen? Wie werden sich die mächtigen Nachbarn Pakistan und Iran nach 2014 verhalten? Und das ist nur ein Bruchteil der drängenden Fragen, die ungeklärt sind.

Niemand bezweifelt, dass die Isaf bis zum Abzug noch um viele Gefallene wird trauern müssen. Merkel verneigt sich am Montag vor den toten Soldaten, die die Bundeswehr seit Beginn ihres Einsatzes vor mehr als zehn Jahren zu beklagen hat. 52 Männer sind bei Unfällen, Anschlägen oder im Gefecht gestorben. Die Kanzlerin steht in Masar-i-Scharif schweigend am Ehrenhain. Es ist das vierte Mal, dass sie nach Afghanistan reist. Seit ihrem Besuch vor 15 Monaten ist es ruhiger geworden am gefährlichen Bundeswehr-Standort in Kundus. Vielleicht ein Hoffnungsschimmer für den baldigen Abzug der Truppe.

Die Soldaten in Masar-i-Scharif empfinden es als wohltuend, dass die Kanzlerin sie persönlich hört. Und Merkel würdigt sie und ihr Engagement: «Die Soldaten verrichten hier einen ausgesprochen guten und ambitionierten Dienst. Sie setzen sich selber Gefährdungen aus und tun dies, damit unsere Sicherheit in Deutschland besser ist. Das dürfen wir nie vergessen», sagt sie. «Manchmal leben wir in Sicherheit in Deutschland und machen uns gar nicht mehr klar, was dafür immer wieder getan werden muss.»

Konflikte / Bundeswehr / Afghanistan / USA
12.03.2012 · 22:25 Uhr
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