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Analyse: Mandela-Moment für Birma?

Rangun/Singapur (dpa) - Grenzenloser Jubel in Birma und Menschenmassen, die selbst die kühnsten Erwartungen übertreffen: Die Freilassung von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi aus dem Hausarrest hat tausende Menschen elektrisiert.

Suu Kyis Wille ist trotz siebeneinhalb Jahren erzwungener Isolation ungebrochen. «Ihr dürft nicht aufgeben», ruft sie ihren Anhängern kämpferisch zu.

Der Kontrast konnte kaum größer sein: Als die Militärjunta am 7. November ihre abgekarteten Wahlen abhielt, waren die Straßen von Rangun leer, die Menschen schienen gleichgültig und die Stimmung war gedrückt. An diesem Wochenende strahlt das Volk begeistert. «Ich war im Mai 2002 dabei, als sie schon einmal freigelassen wurde», sagt Yar Zar, ein Mitglied von Suu Kyis aufgelöster Partei NLD, dem Exilmagazin «Irrawaddy». «So viele Leute waren damals nicht da.»

Ist die Freilassung Suu Kyis Birmas Mandela-Moment? Bricht für die seit fast 50 Jahren von brutaler Militärherrschaft gebeutelten Birmanen eine neue Ära an? Wie 1990 in Südafrika? «Es gibt einen Riesenunterschied», warnt Birma-Kenner Benedict Rogers. «Nelson Mandela wurde freigelassen, weil Südafrikas Apartheid-Regime zerbrach, (Regierungschef Frederik) de Klerk wusste, er musste es reformieren. ... Wenn aber die Generäle in Birma sich durchsetzen können, ändert sich gar nichts.» Sie haben zwar wählen lassen, doch verkünden sie schnell den Sieg ihrer eigenen Partei, der USDP. Die Junta will ihre Macht in neuen Kleidern zementieren.

Die Erwartungen an Suu Kyi sind immens. Jahrelang haben Millionen von Menschen ihre ganzen Hoffnungen in die eingesperrte Politikerin gesetzt, alles soll sie nun richten: zuerst den Wahlbetrug entlarven, dann wie einst ihr Vater, Unabhängigkeitsheld General Aung, die vielen ethnischen Minderheiten in Birma einen. Dann soll sie das Ende der Sanktionen bewirken und dafür sorgen, dass Touristen das Land aus Protest gegen das Regime nicht weiter boykottieren. «Suu Kyi wird uns auf den richtigen Weg bringen», sagt eine Frau vor der Parteizentrale überzeugt. «Sie soll unser Land führen.»

So lange Suu Kyi unter Hausarrest stand, war ihre Rolle klar: eine der berühmtesten politischen Gefangenen der Welt, eine Galionsfigur der Demokratie-Bewegung, ein Stachel im Fleisch der Militärjunta, ein Symbol für den friedlichen Widerstand. Weil sie so lange weg vom Fenster war, ist ihr Image durch keinen Patzer, kein unüberlegtes Wort, keine Fehlentscheidung oder mangelnden Erfolg getrübt.

Wenn statt der Ikone jetzt eine Frau aus Fleisch und Blut, mit genialen und auch weniger zündenden Ideen auf die politische Bühne tritt, dürfte die Realität die Menschen einholen. Am Sonntag inspiriert sie noch: «Mut bedeutet, dass wir uns beharrlich für das einsetzen, woran wir glauben», sagt sie. «Wenn wir unsere Kraft richtig einsetzen, kann sie niemand brechen.» 

Doch die Beharrlichkeit, mit der sie der Junta seit 1988 Jahren die Stirn bietet, kennen Weggefährten auch als Sturheit. Dass die Politikerin nicht leicht im Umgang ist, haben sie bislang nur hinter vorgehaltener Hand gesagt - um die Leuchtkraft des Symbols nicht zu schmälern. «Sie hat fast in Stein gemeißelte Überzeugungen», sagt Politologe und Birma-Experte Robert Taylor, der Suu Kyi seit Jahrzehnten persönlich kennt. «Wer anders denkt hat Unrecht - ein Dialog ist nicht gerade einfach mit ihr.» Eine Frau, die in der Gründerzeit in der NLD war und sechs Jahre politische Gefangene war, meint: «Sie hat ein hitziges Temperament. Wenn es nicht nach ihrer Pfeife ging, schrie sie selbst Mönche an - ein absolutes Tabu.»

Eine Herkules-Aufgabe wartet auf die zierliche Frau. Im ersten Freudentaumel wagte kaum einer anzudeuten, dass die Euphorie kurz sein könnte. «Mein Engel», schrieb ein besorgter Fan auf der Webseite des «Irrawaddy-Magazins» an Suu Kyi. «Ich glaube, dies ist Deine letzte Chance. Pack jede Gelegenheit, die sich bietet, beim Schopf. Du bist alt. Die Zeit ist kurz. Sie werden Dich wieder einsperren.»

Die Gefahr ist durchaus real, warnen Birma-Kenner. Wenn selbst Suu Kyis Anhänger von der Größe des Menschenauflaufs überrascht waren, dürften die Generäle sich erst recht gewundert haben. Haben sie sich verkalkuliert? Gedacht, dass Suu Kyis Stern nach den Wahlen in Bedeutungslosigkeit versinkt? Weitere Demokratiekundgebungen dieser Größenordnung dürften sie sich auf jeden Fall nicht lange bieten lassen.

Menschenrechte / Birma
14.11.2010 · 11:49 Uhr
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