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Analyse: Mammutprojekt mit Risiken

Ambulanz für SchweinegrippeGroßansicht
Berlin (dpa) - Es soll die größte Impfaktion in der Geschichte der Bundesrepublik werden. Die Operation Schweinegrippe startet nach den Plänen von Bund und Ländern kurz nach der Bundestagswahl, also Anfang Oktober. Erst dann steht nämlich der Impfstoff bereit.

Die Vorbereitungen in den Ländern, die für die Organisation der Massenimpfung zuständig sind, laufen bereits. Doch es gibt noch viele offene Fragen, obwohl das Kabinett Vorsorge für die Operation getroffen hat.

Die Zeit drängt. Bisher sind fast 13 000 Bundesbürger mit der Schweinegrippe infiziert, täglich kommen hunderte neue Fälle dazu. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) weiß, dass der bisher relativ milde Verlauf nicht so bleiben muss: «Mit der Zunahme der Fallzahlen ist allerdings auch mit dem Auftreten schwerer Erkrankungs- oder Todesfälle zu rechnen.»

Rund 25 Millionen Risikopatienten sollen vom Herbst an zuerst einen Schutz bekommen: chronisch Kranke, Schwangere und medizinisches Personal. Die Kassen sollen die Impfkosten für insgesamt etwa 35 Millionen Bundesbürger zahlen - das wären 50 Prozent der 70 Millionen gesetzlich Versicherten. Das Ziel von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) geht noch sehr viel weiter. Alle sollen einen Impfschutz bekommen, die dies auch wollen.

Problem Nummer eins: Wie schwer wird die Grippe? «Im Unterschied zu den gut charakterisierten saisonalen Influenzaviren ist die weitere Entwicklung des neuen Erregers nicht bekannt», erklärt das Robert-Koch-Institut in seiner Lageeinschätzung. Dabei geht es insbesondere um die Folgen im Herbst und Winter, also zur herkömmlichen Grippezeit. «In früheren Pandemien gab es häufig eine zweite, schwerere Welle.»

Problem Nummer zwei: Wie viele Bundesbürger lassen sich impfen? Dazu gibt es nur Schätzungen. «Lassen Sie es ein bisschen aggressiver laufen, dann werden die Bürger strömen», sagt Schmidt. Sie sieht Deutschland auf die Schweinegrippe aber gut vorbereitet. Die Schweiz richtet sich auf 80 Prozent der Bevölkerung ein, die eine Schutzimpfung haben wollen. Deutschland hält dies für einen sinnvollen Richtwert. Damit ginge es um mehr als 60 Millionen Menschen.

Impfdosen sind zunächst für 25 Millionen Bundesbürger geordert, Nachbestellungen vereinbart. Vor allem öffentliche Gesundheitsämter sind als Impfstellen vorgesehen. Beim neuen Impfstoff sind Nebenwirkungen wie Schwellungen oder Kopfweh nach Einschätzung des Paul-Ehrlich-Instituts eher zu erwarten als bei der üblichen saisonalen Grippeimpfung. Das könnte bei der Frage, ob man sich impfen lässt, eine Rolle spielen.

Problem Nummer drei: die Finanzierung. Die gesetzlichen Kassen wollen die Kosten für die Hälfte der Versicherten tragen. Alles, was darüber hinaus geht, zahlen Bund und Länder. Die Verhandlungen über die Kostenaufteilung gehen am kommenden Montag weiter. «Es handelt sich für jedes Land sicherlich um zweistellige Millionenbeträge», sagt Thomas Schulz, der Sprecher des Thüringer Gesundheitsministeriums, das derzeit den Hut aller Ressortchefs aufhat. Er ist aber zuversichtlich, dass es eine Lösung geben wird.

Daran glaubt auch Ulla Schmidt. «Es ist unser gemeinsames Anliegen, dass es keine Zusatzbeiträge deswegen gibt. Da müssen die sich bewegen.» Genug Geld ist nach ihrer Ansicht bei den Krankenkassen in der Schatulle. Ob es tatsächlich zu zusätzlichen Beiträgen bei einzelnen Kassen kommt, ist aber noch offen. «Das kann man nicht ausschließen», heißt es beim Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen.

Nach einer halben Stunde beendet die SPD-Politikerin am Mittwoch ihre Pressekonferenz zur Schweinegrippe. Und damit nicht noch Fragen zur Dienstwagen-Debatte kommen, sagt sie schnell: «Ich muss nämlich ganz, ganz schnell jetzt weg.»

Gesundheit / Grippe / Kabinett
19.08.2009 · 23:16 Uhr
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