News
 

Analyse: Letzte Dienstreise für Merkel/Steinbrück?

Merkel und SteinbrückGroßansicht
Pittsburgh (dpa) - Am liebsten hätte die Kanzlerin den ganzen G20-Gipfel verlegt. Doch auf den deutschen Wahltermin am Sonntag nahmen die Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Wirtschaftsmächte nun doch keine Rücksicht.

Doch am Ende hatte sich die Reise für Angela Merkel gelohnt. Nach einigem Widerstand im Vorfeld trug auf einmal US-Präsident Barack Obama doch alle Vorschläge der Deutschen und Kontinentaleuropäer zur Finanzmarktregulierung mit. Zwei Tage vor der Wahl war das mehr, als Merkel vorher erwarten konnte. Dass sie mit Finanzminister Peer Steinbrück sich in großkoalitionärer Eintracht zeigen musste, konnte die CDU-Vorsitzende da leicht verschmerzen.

Schon als Merkel am Donnerstagabend in ihr Hotel nach Pittsburgh eincheckte, gab ihr Wirtschaftsberater Jens Weidmann Entwarnung. Ausgerechnet während der acht Stunden, in denen Merkel über den großen Teich geflogen war, hatten sich die Verhandlungen gedreht. Weidmann konnte Merkel in aller Ruhe berichten, dass die Amerikaner inzwischen den Vorstellungen der Deutschen und Kontinentaleuropäer auf einmal fast in allen Punkten entgegen gekommen seien. Die bremsenden Briten konnten nichts ausrichten.

Richtlinien für die Vergütungen der Bankmanager. Höhere Eigenkapitalquoten für die Banken. Ein Ja zu Merkels Vorschlag für eine Charta für nachhaltiges Wirtschaften. Letztlich kam es genauso, wie es Merkel und die Kontinentaleuropäer vorgeschlagen hatten. Für Insider sensationell war auch, dass die Amerikaner nun auch das Basel II-Abkommen zur Kreditvergabe umsetzen wollen, womit sie seit Jahren gezögert hatten.

Schon vor den Schlussberatungen konnte sich die Auswärtswahlkämpferin Merkel entspannt geben. Der deutsche Druck im Zusammenspiel mit den Franzosen habe Früchte gezeigt, meinte sie. «Es hat sich bewährt, dass Deutschland bereit war, ein dickes Brett zu bohren.»

Neben ihr war ein Finanzminister zu sehen, dem in dem Augenblick bewusst war, dass, wenn überhaupt, diese Resultate am Sonntag vor allem der Kanzlerin gutgeschrieben werden. Nicht, dass nicht auch er mit den Ergebnissen unzufrieden war. Schließlich hatte er sich dafür auch kräftig eingesetzt und auf Wahlkampfsabotage im Interesse des Landes, wie er mal nebenbei sagte, verzichtet.

Noch im Vorfeld hatte es so ausgesehen, dass die Amerikaner im Verein mit den Briten Merkel die Tour verderben könnten. Warum sie einlenkten, ließ sich am Freitag nicht abschließend klären. Sie setzten auch einiges durch, was den Deutschen nicht so gut gefällt. So soll unter den G20 auch über die Exportüberschüsse Deutschlands geredet werden. Es war so ein Geben und Nehmen. Aber vielleicht wollte Obama Merkel auch nicht im Regen stehen lassen. Am Freitag hatten sie jedenfalls, was bisher nicht bekannt war, per Videokonferenz gesprochen. Dass in Deutschland Wahl ist, war jedenfalls den Amerikanern wohl bewusst, hieß es.

Noch einmal hatte Merkel ihren Mit-Krisenmanager Peer Steinbrück mitgenommen. Dass die Gemeinschafts-Tour in dieser spannungsgeladenen Schlussphase des Wahlkampfes leicht absurde Züge trug, versuchten Merkel und Steinbrück zwar zu überspielen. So gut es ging. Ganz gelang es ihnen nicht. Sie waren eine Gipfelseilschaft wider Willen.

Merkel will bekanntlich die große Koalition beenden. Das wiederum würde bedeuten, dass dies die letzte Reise mit Steinbrück gewesen wäre. Der SPD-Mann wiederum möchte am liebsten in der großen Koalition weitermachen und hat dies von allen SPD-Leuten auch am deutlichsten gesagt. Nur: Zu nett darf er eigentlich auch nicht zu Merkel sein, sonst sind in der SPD wieder alle auf ihn böse.

Wenn Merkel in kleinem Kreis über ihre Einschätzungen des Gipfels berichtete, schaute Steinbrück daher für seine Verhältnisse zunächst streng in die Runde. Er hielt das aber gerade einmal 20 Minuten durch, um dann mit lautem Lachen - wie man ihn kennt - die eine oder andere ironische Bemerkung einzustreuen. Merkel wiederum ließ ihre Wertschätzung zu Steinbrück erkennen. Sie gibt aber auch zu verstehen, dass es auch andere Menschen geben dürfte, mit denen eine gute Zusammenarbeit denkbar wäre.

In der Beurteilung ihres Vorschlags, weltweit eine Art Börsenumsatzsteuer einzuführen, stimmen sie nahtlos überein. Da mochte in Berlin SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier noch so sehr beklagen, dass in Pittsburgh noch nichts erreicht sei. Steinbrück verweist selbst darauf, dass so ein Vorschlag eben Zeit braucht, die Sympathisanten aber mehr würden.

Dafür, dass Merkel und Steinbrück am Sonntag um ihre Jobs zittern müssen, zeigten sie sich ziemlich gelassen. Ob diese Reise, diese Ergebnisse des Gipfels noch einen Einfluss auf die Wähler haben wird: Wer kann dies sagen? Sie wirkten beide eher fatalistisch. In unzähligen Wahlkundgebungen sind sie nun aufgetreten und nun eben noch den Gipfel absolviert. Was sollen sie nun noch mehr tun? Am Sonntag entscheiden nun die Wähler. Und was danach kommt, kann für beide noch spannender werden als ein Treffen der wichtigsten Staats- und Regierungschefs der Welt.

G20 / Gipfel
25.09.2009 · 16:09 Uhr
[0 Kommentare]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
 

 

News-Archiv

 
Diese Woche
24.01.2017(Heute)
23.01.2017(Gestern)
Letzte Woche
Vorletzte Woche
Top News

Weitere Themen