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Analyse: Letzte Ausfahrt Planinsolvenz

Schlecker hatte zuletzt über 1000 Filialen zugemacht und begonnen, sein altes Filialnetz zu sanieren. Foto: Franziska KraufmannGroßansicht

Ehingen (dpa) - Fahles Neon-Licht, leere Schaufenster, einige alte Regale in der Ecke. Eine geschlossene Schlecker-Filiale im Stuttgarter Westen steht für die Misere von Deutschlands größter Drogeriekette.

Die Krise des Familienunternehmens erreicht am Freitag ihren vorläufigen Höhepunkt, denn Schlecker geht in Planinsolvenz. Dabei hatten die Kinder von Unternehmensgründer Anton Schlecker, Meike und Lars, doch gerade erst so viel frischen Wind in das ziemlich angestaubte Imperium ihres Vaters Anton gebracht.

Während die Konkurrenten dm aus Karlsruhe und Rossmann aus dem niedersächsischen Burgwedel wuchsen und wuchsen, ist Schlecker seit geraumer Zeit in einer Schrumpfkur. Branchenkenner hatten der bisherigen Nummer eins bereits wenig Chancen eingeräumt, als sie vergangenes Jahr ihr neues Konzept vorstellte. Schlecker sollte heller, freundlicher, großzügiger werden, die Mini-Läden an jeder Ecke mit nur einer Verkäuferin der Vergangenheit angehören.

230 Millionen Euro wollten Meike und Lars Schlecker in die Hand nehmen, um zunächst rund 700 Filialen umzubauen. Dennoch wollten sie den ursprünglichen Ansatz ihres Vaters nicht aufgeben, möglichst auch in kleinen Orten und nicht nur in den großen Fußgängerzonen präsent zu sein. «Wir wollen ein guter Nachbar sein», erklärte Lars Schlecker im Februar 2011 zuversichtlich. Doch letztlich ist das wohl das größte Problem des Konzerns: ein riesiges Filialnetz, bei dem manchmal Filialen nur wenige hundert Meter entfernt zu finden waren - mit einem ganz ähnlichen Sortiment.

Genau diese defizitären Läden machten den Ehingern zu schaffen - obwohl die Neueröffnungen teils bis zu 30 Prozent mehr Umsatz brachten, wie die Schleckers immer wieder betonten. «Die Entscheidung, diesen Schritt zu gehen, ist auch gefallen, weil wir an das neue Konzept glauben», sagt ein Unternehmenssprecher. Deshalb gehe es nun auch in die Planinsolvenz, «um die Gläubiger dafür zu gewinnen». Ein Insolvenzverwalter werde dabei beratend zur Seite stehen, und für die Mitarbeiter seien drei Monate Insolvenzgeld gesichert.

Wie groß die Finanzlücke ist, die Schlecker am Freitag zum drastischen Schritt zwingt, darüber schweigt sich das Unternehmen aus. Nicht einmal die Umsatzzahlen von 2011 sind bekannt. Nur, dass sie niedriger lagen als 2010 - und schon damals waren es mit 6,55 Milliarden Euro erheblich weniger als im Vorjahr. Trotz allem blieben die jungen Firmenerben bei ihrem Optimismus. «Unsere Restrukturierung ist kein Sprint», gab Meike Schlecker vor wenigen Wochen zu - doch es bleibe beim Ziel: Schwarze Zahlen 2012.

Und auch die Mitarbeiter glaubten daran: «Die haben wirklich alles versucht, diese Ding nach oben zu ziehen», sagt Christiane Scheller, die zuständige Verdi-Sprecherin. Dementsprechend können sich die Gewerkschafter am Freitag vor Anrufen geschockter Schlecker-Mitarbeiter kaum retten.

Branchenkennern ist nicht klar, warum die Schleckers erst so spät versuchten, das Steuer rumzureißen. «Schlecker hat erst gegengelenkt, als es längst zu spät war. Die Wettbewerber wurden mit jedem Tag stärker und Schlecker täglich schwächer», sagt der Discountexperte Matthias Queck vom Handelsinformationsdienst Planet Retail. Ähnlich hatten sich Kollegen bereits 2011 geäußert, als «Fit for Future», wie das Restrukturierungsprogramm heißt, anlief.

Im Netz kursierten binnen kurzer Zeit die ersten, teils bissigen Kommentare zum Drogerieriesen: «For You: Vor Ort. Vorbei», heißt es in etlichen Tweets beim Kurznachrichtendienst Twitter, die den aktuellen Werbeslogan des Drogerieriesen parodieren. Viele Kassiererinnen in deutschen Schlecker-Filialen sind einfach nur entsetzt. Auf Reporterfragen antworten sie nicht.

Handel / Drogerien
20.01.2012 · 22:30 Uhr
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