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Analyse: Lenas Sommermärchen

Lena bewies auch auf der riesigen Live-Bühne des Osloer Fußballstadions verblüffende Stehkraft und absolvierte die alles entscheidenden drei Minuten mit Bravour.Großansicht
Oslo/Hamburg (dpa) - «Das fühlt sich so unglaublich wahnsinnig an. Das ist eigentlich ganz schön viel für so einen kleinen Lena-Kopf.» Nach dem sensationell souveränen Sieg beim Eurovisions-Finale machte Deutschlands neues Sommermärchen aus Hannover tatsächlich eine Berg- und Talfahrt der Gefühle durch.

Mal überwältigt mit den Tränen kämpfend, um in der nächsten Minute als Europas frisch gekürte Pop-Königin freche Sprüche über ihre Begegnung mit der norwegischen Prinzessin Mette-Marit abzuliefern: «Das war schon ziemlich cool, so 'ne Prinzessin ist schon was Geiles. Sie sah süß aus, hatte ein pinkes Kleid an, und die Haare schnuckelig gemacht. War auf jeden Fall cool.»

Das kam bei der Siegerpressekonferenz locker, charmant, glaubwürdig und nicht zuletzt auch verblüffend professionell aus dem «kleinen Lena-Kopf». Stefan Raab als TV-Mentor war nicht der Einzige in dieser Eurovisions-Nacht, der den Hut zog vor der Leistung der 19- Jährigen mit den noch unbekannten Abi-Noten: «Vor drei Monaten hat sie zum ersten Mal bei uns auf der Live-Bühne gestanden. Es ist enorm, was Lena an Stress weggesteckt hat. Das schaff ich nicht.»

Die kleine Ex-Schülerin aus Hannover-Misburg bewies auch auf der riesigen Live-Bühne des überdachten Osloer Fußballstadions verblüffende Stehkraft und absolvierte die alles entscheidenden drei Minuten als Nr. 22 von 25 mit Bravour. Nervosität war durchaus spürbar. Warum auch nicht? Die Sängerin ohne Gesangsausbildung schnappte hörbar nach Luft, machte das aber mit ihrer typisch kokett-kecken und unbekümmerten Art mehr als wett. Was die Punktzahl bewies.

Sie vermittelte vor allem, dass sie Spaß am Rampenlicht hatte. Gesicht und Körpersprache strahlten Freude pur aus. Im typischen Lena-Outfit - kurzes schwarzes Kleidchen, schwarze Strumpfhose, schlichte hohe Schuhe - flirtete sie zuweilen mit der Kamera, bewegte sich sparsam tänzelnd und unterstrich ihren Songtext mit ausladenden Gesten. Die Fans in der Halle jubelten ihr auch zwischendurch immer wieder lautstark zu.

Als Belohnung gab es die Höchstwertung zwölf Punkte - «twelve points» - aus so unterschiedlichen Ländern wie Dänemark, Estland, Finnland, Spanien, der Slowakei, Lettland, Norwegen, der Schweiz und Schweden. Das brachte einen nie gefährdeten Sieg über einen ganz anderen Eurovisions-Stil mit durchgestylten Jung-Schönheiten wie etwa Safura aus Aserbaidschan. Pathetisch donnernde Balladen, tiefe Ausschnitte und flatternde Prachtmähnen vor der allzeit blasenden Windmaschine hatten an diesem Abend keine Chance gegen lässigen Charme, Witz und Tempo.

So sah es auch der Sänger der hinter Lena zweitplatzierten türkischen Rockband Manga, Ferman Akgül, bei der After-Show-Party: «Ihr Song ist großartig, und sie hat es verdient.» Akgül freute sich über den Erfolg der beiden sehr modernen Lieder: «Das zeigt, dass der Wettbewerb sich weiter entwickelt.» Die Türkei hatte mit zehn Punkten bei Lenas Sieg mitgeholfen; Deutschland hatte genauso viele Punkte an die türkische Band vergeben.

Eine Weiterentwicklung für den Eurovision Song Contest war ganz bestimmt auch Lenas und Raabs Art von Siegesfreude. Beim bisher einzigen deutschen Sieg 1982 hatte Nicole sehr ernst zur eigenen Klampfe von «Ein bißchen Frieden» gesungen. Lena und Raab starteten ihre Pressekonferenz mit Champagner-Spritzen wie bei der Formel 1. Dann sangen sie, ohne Klampfe, fröhlich «Ich liebe deutsche Land» in nicht ganz korrektem Migranten-Deutsch und schwenkten Schwarz-Rot- Gold. Irgendwie eine Weiterentwicklung des deutschen Sommermärchens von der Fußball-WM 2006 mit einem dritten Platz am Ende.

Genau wie Lena blieb auch Raab, der durch und durch erfolgreiche Macher hinter dem deutschen Sensationserfolg, seinem Stil im Augenblick des für ihn «total schockierenden» Sieges treu. Fröhlich, schnoddrig, enorm selbstbewusst, dabei aber völlig loyal und auf eine spezielle Raab-Art fürsorglich gegenüber der sehr jungen Hauptperson. Als Lena ihren Spruch über die «geile» Begegnung mit Prinzessin Mette-Marit abgelassen hatte, setzte Raab einen drauf, ohne Lena die Pointe oder das Scheinwerferlicht zu klauen: «Und der Hammer ist: Ich hab' exklusive Fotos.» Mit Grinsen und fragendem Blick an möglicherweise zahlungswillige Medienvertreter: «Na - wie sieht's aus?»

Musik / Medien / Fernsehen / Norwegen
31.05.2010 · 06:54 Uhr
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