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Analyse: «Kühler» Friede der Nachbarn wird noch kühler

Hass auf den Nachbarn: Ein Demonstrant ist in Kairo an der Fassade des Botschaftsgebäudes hochgeklettert und hat die israelische Fahne heruntergerissen.

Tripolis/Kairo (dpa) - Mit einem Rammbock durchbrachen sie die Beton-Schutzmauer, die israelische Fahne rissen setzten sie in Brand, das Vorzimmer der israelischen Botschaft in Kairo verwüsteten sie.

Als tausende Randalierer in der Nacht zum Samstag das unscheinbare Bürohochhaus im Stadtteil Giza stürmten, in dem die israelische Vertretung untergebracht ist, ließen sie das ohnehin schwierige Verhältnis des neuen Ägypten zum alten Friedenspartner Israel auf einen neuen Tiefpunkt stürzen.

Es war nicht der erste gewalttätige Protest vor dem Bürohaus mit der Flagge des jüdischen Staates, aber es war der erste, bei dem Demonstranten in die Räumlichkeiten der diplomatischen Vertretung eindrangen. Bei den vorangegangenen Randalen hatten das die Sicherheitskräfte verhindern können. Warum es diesmal nicht so war, ist Gegenstand von Spekulationen.

Vielleicht war es die schiere Menge an gewaltbereiten Protestierern. Die Wut im Lande war auf den Siedepunkt gestiegen, nachdem israelische Soldaten bei der Verfolgung von Terroristen im August an der gemeinsamen Grenze fünf ägyptische Grenzposten getötet hatten. Zu mehr als einer halbherzigen, wenn auch offiziellen Entschuldigung ließ sich Israel nicht hinreißen. Auch der ägyptische Militärrat fühlte sich düpiert. Die Generäle geben seit dem erzwungenen Rücktritt von Präsident Husni Mubarak in diesem Februar den Ton im Land an.

Mubarak war in seiner 32-jährigen Amtszeit ein treuer Sachwalter des Friedensvertrages mit Israel, den sein Vorgänger Anwar el Sadat geschlossen hatte. In Ägypten war der pro-israelische Kurs des Staatschefs stets unpopulär. Seit dem Umsturz verlangen Demonstranten immer wieder den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zum jüdischen Staat.

Die neuen Machthaber, die weiter auf bedeutende Militärhilfen des Israel-Patrons USA angewiesen sind, bezogen eine kritische Position zum Nachbarn jenseits des Sinai. Allerdings wurden sie dabei nie so verletzend wie neuerdings der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan. Auf Druck der Protestbewegung lockerten sie den Würgegriff über den ägyptischen Grenzabschnitt an dem von der islamistischen Hamas kontrollierten Gazastreifen. Menschen aus Gaza können nun leichter über Ägypten ins Ausland reisen als unter Mubarak.

Die Halbinsel Sinai, mit ihrer Grenze zum Gazastreifen und Israel seit je ein Tummelplatz für Schmuggler und Schwarzhändler, geriet in dem Machtvakuum nach dem Mubarak-Sturz fast außer Kontrolle. Im August schlichen sich Al-Kaida-Terroristen aus Gaza über den Sinai in den israelischen Badeort Eilat und ermordeten dort acht Menschen. Bei der Verfolgung und Tötung dieser Attentäter durch israelische Kommandos kamen im Kreuzfeuer auch die fünf ägyptischen Grenzer ums Leben.

Nach der Eskalation der Nacht zum Samstag dürfte der «kühle» Frieden der beiden Nahost-Nachbarn noch weiter abkühlen. Die seismischen Schwingungen der dramatischen Vorfälle ergriffen auch die Übergangsregierung von Premier Essam Scharaf. Das Rücktrittsgesuch des ohnehin schwachen Gremiums lehnte der Militärrat am Samstag aber umgehend ab.

Die schematische Geste der Machthaber in Kairo kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Israel nach Erdogans Türkei nun einen weiteren wichtigen strategischen Partner in der Region verlieren könnte. Dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu sollten die Ereignisse zum «Weckruf» gereichen, dass es so nicht mehr weitergehe, schrieb Marwan Bischara, der Politik-Analyst des arabischen Fernsehsenders Al-Dschasira, am Samstag.

Seit dem Sturz Mubaraks verschaffe sich die öffentliche Meinung in Ägypten wieder Gehör, führte Bischara weiter aus. Dies habe die Art und Weise, wie das offizielle Kairo mit mutmaßlichen «Friedenspartnern» umgeht, grundlegend geändert. «Erwartet nicht, dass sich die Beziehungen (zu Ägypten) rasch wieder einrenken lassen», lautete seine Message für Israel.

Konflikte / Nahost / Ägypten / Israel
10.09.2011 · 16:22 Uhr
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