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Analyse: Kirche setzt auf Neuanfang

Rücktritt Bischof MixaGroßansicht
Hamburg (dpa) - Der moralische Absturz der katholischen Kirche ins Bodenlose soll mit dem spektakulären Rücktrittsgesuch des Augsburger Bischofs Walter Mixa gestoppt werden.

Die Deutsche Bischofskonferenz geht jetzt in die Offensive und hofft, dass die größte Vertrauenskrise der Kirche seit dem Krieg überwunden werden kann. Dies machte der Vorsitzende, Erzbischof Robert Zollitsch, am Donnerstag vor der Presse in Bonn deutlich und sprach von «Neuanfang», der nun ermöglicht werde.

Seit Ende Januar jagte eine Hiobsbotschaft die nächste, wurden täglich neue Missbrauchsskandale bekannt. Die Zahl der Kirchenaustritte soll, wie aus Kirchenkreisen verlautet, sich allein im März in manchen Diözesen wie Augsburg mehr als verdoppelt haben - im Vergleich zum Vorjahresmonat.

Rückblende: Mit dem Missbrauchsskandal an dem Elite-Gymnasium Canisius in Berlin beginnt Ende Januar die nach Ansicht hoher Kirchenvertreter schlimmste Vertrauenskrise seit dem Krieg. In der Öffentlichkeit setzt sich eine für die Kirche verheerende Einschätzung durch: Die oft Jahrzehnte zurückliegenden Missbrauchsskandale wurden verheimlicht, vertuscht oder verharmlost. Das Weiterleiten solcher Taten an die Staatsanwaltschaften ist in Deutschland gesetzlich nicht zwingend geboten, die Kirche nutzte diesen Spielraum - meist mit dem Argument des Opferschutzes. Kritiker sprechen dagegen von klerikalem Korpsgeist.

Die Krise erreicht Papst Benedikt XVI.. In seiner Zeit als Münchner Erzbischof wurde ein pädophil auffällig gewordener Priester aus dem Bistum Essen als Seelsorger im Erzbistum München eingesetzt - heute heißt es, allein der damalige Generalvikar trage dafür die Verantwortung. Die «New York Times» wirft Joseph Ratzinger vor, als Präfekt der Glaubenskongregation Fälle von sexuellem Missbrauch nicht konsequent genug verfolgt zu haben. Das bezieht sich auf die USA, aber die Skandale in Irland, Österreich oder Deutschland machen das Ausmaß des Problems in der katholischen Weltkirche bewusst.

Der Vatikan schießt verbal zurück, verurteilt die Berichterstattung der «New York Times» als falsch. Am Ostersonntag muss ein hoher Kardinal sogar vor der Messe und dem päpstlichen Segen urbi et orbi versichern, Benedikt habe die Loyalität der Kirche, man solle nichts geben auf das «Geschwätz des Augenblicks» - eine beispiellose Solidaritätsadresse, die sich der Vatikan selbst gibt.

Die Kirche liegt moralisch am Boden. Es geht um Schadensbegrenzung. Die deutschen Bischöfe versprechen als erste Maßnahme schonungslose Aufklärung. Der Trierer Bischof Ackermann wird zum Beauftragten für Missbrauchsfälle ernannt. Er lässt eine Hotline schalten für die Opfer. Die Leitungen brechen zusammen. Mehr als 17 000 Anrufversuche werden in den ersten drei Wochen registriert. Inzwischen wurden über 1200 Erstberatungsgespräche geführt.

Nach anfänglichen Auseinandersetzungen mit Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) rauft man sich zusammen. Der Runde Tisch zum Thema Missbrauch wird an diesem Freitag (23. April) in Berlin erstmals zusammenkommen. Die Kirche hat sich mit ihrer Argumentation durchsetzen können, dass Missbrauch ein allgemeines gesellschaftliches Problem sei - also etwa auch in Sportvereinen.

Vor allem längere Verjährungsfristen bei sexuellen Missbrauchsfällen, die bislang fehlende Meldepflicht solcher Taten an die Staatsanwaltschaft und die Frage, ob und wie die Kirche Opfern finanziell helfen soll, dürften dabei im Mittelpunkt stehen, heißt es in Kirchenkreisen. «Eine finanzielle "Wiedergutmachung" oder "Entschädigung" für sexuellen Missbrauch kann es nicht geben, das ist schon vom Begriff her einfach nicht möglich», heißt es. Möglich scheine eine «materielle Anerkennung zugefügten menschlichen Leids».

Verschärft werden sollen auch die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz zum Umgang bei sexuellem Missbrauch durch Geistliche. Seit ihrer Einführung 2002 haben die Bischöfe zwei Mal schon die Leitlinien überprüft. Jetzt geht es um eine Verschärfung. An diesem Montag (26.4.) wird der Ständige Rat der Bischofskonferenz in Würzburg sich mit einem ersten Entwurf befassen, im Juni soll die Neufassung verabschiedet werden. In Kirchenkreisen wird diskutiert, dass die Leitlinien sich dann nicht nur auf Priester beziehen sollen, sondern auch auf andere pädagogische Mitarbeiter in der Kirche.

Der Fall Mixa schien die Bemühungen der Bischöfe, wieder Vertrauen zu gewinnen, zu konterkarieren. Nach dem Dementi, niemals Kindern und Jugendlichen Gewalt angetan zu haben, musste Mixa dann doch einräumen, Ohrfeigen als Stadtpfarrer gegeben zu haben. Hinzu kommen ungeklärte finanzielle Ungereimtheiten.

Ein Bischof, der lügt? In der Kirche mehrten sich Stimmen, die Mixa als untragbar bezeichneten. «So etwas wird nicht in Zeitungen betrieben, sondern mit den Verantwortlichen in Deutschland und Rom», sagte der Nuntius in Berlin, Jean-Claude Périsset, der dpa.

Papst Benedikt habe schon als Präfekt der Glaubenskongregation in puncto sexueller Missbrauch «null Toleranz» als Linie vertreten und in verschiedenen Vatikan-Dokumenten dies deutlich gemacht, betonen Kirchenvertreter. Seine Treffen mit Opfern in den USA, Australien und jüngst in Malta zeigten, wie sehr das Thema den Papst beschäftige. «Ich habe ihr Leiden mitempfunden, ergriffen mit ihnen gebetet und dabei das Handeln der Kirche zugesichert», sagte der Papst.

Ob das am selben Tag bekanntgewordene Rücktrittsangebot Mixas der Kirche entscheidend hilft, wieder Vertrauen zu gewinnen, ist offen. Reformkräfte wie die Bewegung «Wir sind Kirche» verweisen darauf, dass dafür auch innerkirchliche Reformen wie die Abschaffung des Zölibats, also des Heiratsverbots für Priester, notwendig sei. Das Zölibat sei eine der Ursachen, warum viele Priesterkandidaten eine psychosexuelle Unreife zeigten.

Kirchen / Kriminalität
22.04.2010 · 14:50 Uhr
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