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Analyse: Kanzlerin wird zur Wahlkämpferin

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Düsseldorf (dpa) - «Angie, Angie». Euphorische Stimmung bei der Union. Beim sogenannten Wahlkampfauftakt der CDU wird Bundeskanzlerin Angela Merkel am Sonntag in Düsseldorf schon wie eine sichere Wahlsiegerin inszeniert. Doch in der kommenden Woche wird sich der Wahlkampf auf alle Fälle noch einmal zuspitzen. Dann treten Merkel und ihr SPD-Herausforderer Frank-Walter Steinmeier zum doppelten Rededuell an: Erst am Dienstag im Bundestag und dann am Sonntagabend vor Millionen Wählern im Fernsehen. Zuvor verschärft Merkel erstmals in diesem Wahlkampf spürbar den Ton.

Da sind sie denn doch, die vielbeschriebenen Anleihen an den schon legendären Wahlkampf von Barack Obama. Die finanziell wieder etwas propperen Christdemokraten leisten sich an diesem Sonntagnachmittag zum Auftakt der berühmten heißen Wahlkampfphase ein Showprogramm, so knallig und bunt wie nie. Der politisch wohl auch hintersinnige Titel: «The time is now.» («Die Zeit ist gekommen»).

Dort, wo später die Herren und Damen vom CDU-Vorstand wie das chinesische Politbüro Platz nehmen, singt ein Ensemble Oldies wie «Satisfaction» von den Rolling Stones oder «Hang up» von Madonna. Stargast Jennifer Rush, schmettert ihren Hit: «The Power of Love.» Die CDU gibt sich bunter als sie vielleicht ist, obwohl sich in den letzten Jahren in der Partei viel getan hat.

Da kann natürlich stimmungsmäßig beim politischen Teil wenig schief gehen, auch wenn die CDU den ISS Dome mit 9 000 Anhängern sehr gut, aber nicht ganz gefüllt hat. Schon der Einzug der Kanzlerin will kein Ende nehmen wegen des vielen Händeschüttelns, der Winkerei und Autogramme-Schreibens. Und nach allerlei Reden erleben ihre Anhänger eine neue Merkel in diesem Wahlkampf.

Sie steigt von ihrem Präsidialkanzlerinnen-Thron herunter und gibt, was die Leute von ihr in der Halle erwarten: Die Wahlkämpferin. Und das bedeutet: Volle Breitseite auf die SPD, nachdem Steinmeier auch am Wochenende seine Vorwürfe gegen Schwarz-Gelb potenziert hat. Merkel unterstellt der SPD heimliche rot-rot-grüne Koalitionsgedanken. Bei den Sozialdemokraten diagnostiziert sie einen «Identitätskampf». Aber persönlich greift sie Steinmeier nicht an. Den Vorwurf, dass Steinmeier einen Wortbruch im Schilde führt, erheben dagegen ihr Vize Roland Koch und CSU-Chef Horst Seehofer.

Bislang lief in diesem Wahlkampf für die Union und die Kanzlerin fast alles nach Wunsch. Der Vorsprung gegenüber der SPD beträgt drei Wochen vor der Bundestagswahl weiter 12 bis 14 Prozentpunkte. Selbst die nach den zu erwartenden Verlusten in Thüringen und dem Saarland einkalkulierte Delle blieb aus.

Derzeit sieht es so aus, als könne sich die Union am 27. September nur selbst schlagen. Dass dies durchaus möglich ist, haben CDU/CSU schon 2005 gezeigt, als ein sicher geglaubter Vorsprung von Schwarz- Gelb noch vergeigt wurde. Merkel und ihre Berater haben im aktuellen Wahlkampf als Lehre aus 2005 versucht, die Zahl der möglichen Störfaktoren möglichst gering zu halten. Programmatisch wurde die Union geöffnet, Kanten stark abgeschmirgelt.

 Nach den nicht allzu guten Erfahrungen mit politischen Seiteneinsteigern wie Paul Kirchhof hat die CDU diesmal auf personelle Experimente verzichtet. Noch nicht einmal ein richtiges Wahlkampfteam wurde vorgestellt, im Gegensatz zur SPD. «Auch um internen Streit zu vermeiden», wie ein Vorständler sagt. Merkels Kalkül: Schnell könne ein Politiker beleidigt sein, wenn er nicht in einen solch erlauchten Kreis berufen wird. Gebe es hingegen keinen solchen Zirkel, könne auch keiner brüskiert sein.

Nun warten viele mit Spannung auf die direkte Konfrontation der Kandidaten zunächst am Dienstag im Bundestag. Schwieriger wird für beide aber das TV-Duell am kommenden Sonntag. Trotz ihres großen Popularitätsvorsprungs ist offen, ob Merkel das Streitgespräch für sich entscheiden kann. Vor vier Jahren entschied der damalige SPD- Kanzler Gerhard Schröder nach den Umfragen ein ähnliches Rededuell deutlich für sich.

Allerdings haben die Meinungsforscher auch herausgefunden, dass die Zuschauer immer besonders von dem angetan sind, den sie auch schon vor der Sendung bevorzugt haben. Nur bei den völlig Unentschlossenen könnte demnach das TV-Duell zu einem Sinneswandel führen. Die zu überzeugen, könnte eine von Steinmeiers letzten Chancen sein.

Wahlen / Bundestag / CDU / CSU / SPD
06.09.2009 · 21:25 Uhr
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