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Analyse: Kampf um die Stammwähler

Diverse Wahlplakate in Berlin von Kandidaten um Direktmandate für den Bundestag. Der Wahlkampf geht in den Endspurt.Großansicht
Berlin (dpa) - Auch diesmal bleibt es spannend bis zum Schluss. Nach einem von vielen Bürgern lange kaum registrierten Wahlkampf deutet alles wieder auf einen knappen Ausgang hin. Beide Lager liegen wenige Tage vor dem 27. September fast gleichauf.

In den letzten Umfragen ist der Vorsprung von Schwarz-Gelb geschmolzen. Die von vielen bereits abgeschriebene SPD macht auf den letzten Metern doch noch Boden gut.

Auch die Wahlforscher werden zunehmend vorsichtig. Es bewege sich in der Schlussphase noch sehr viel, ist sich die Zunft einig. Noch nie vor einer Bundestagswahl sei die Zahl der Unentschiedenen so hoch gewesen. Etwa jeder vierte Wahlberechtigte ist demnach immer noch unschlüssig, welche Partei er wählen soll. Dies mache alle Vorhersagen inzwischen so unsicher.

Das TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Frank- Walter Steinmeier hat dem Herausforderer und seiner Partei spürbar Auftrieb gegeben. Seine persönlichen Werte haben sich schlagartig verbessert. Steinmeier zog sogar wieder an dem neuen Unions-Star Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) vorbei und schloss bei der Bewertung seiner Arbeit fast zur Amtsinhaberin auf. Mit ihrem Konzept eines «Last-Minute-Wahlkampfs» sehen sich die Sozialdemokraten deshalb bestätigt. Ob die Rechnung am Ende aufgeht, ist aber völlig ungewiss. Nach dem Befund der Demoskopen gab es bislang lediglich Verschiebungen innerhalb des sogenannten linken Lagers.

Trotzdem ist einige Verunsicherung in der Union und bei ihrem neuen Koalitions-Wunschpartner FDP spürbar. Doch von einem riskanten Strategiewechsel in den letzten Tagen will vor allem die CDU nichts wissen. Mit Blick auf ihre wahrscheinlichen Machtoptionen nach dem Wahltag gibt sich Merkel weiter siegesgewiss. Mit dem Gedanken, eventuell schon bald das Kanzleramt wieder räumen zu müssen, habe sie sich überhaupt noch nicht befasst, versichert sie: «Ich bin gut motiviert, in die letzte Woche hineinzugehen.»

Doch zumindest für eine gewisse Nervosität spricht, dass Merkel außerplanmäßig noch zusätzliche Wahlkampftermine in ihr Programm gepackt hat, bevor sie am Donnerstag zum G20-Gipfel nach Pittsburgh fliegt. Von dort erhoffen sich die Unions-Wahlkampfplaner möglichst viele schöne Bilder der Kanzlerin inmitten der anderen wichtigsten Staatenlenker auch für das Publikum zu Hause. Der SPD-Außenminister setzt dagegen für den Endspurt ganz auf die heimische Kulisse. Bis zum SPD-Finale am Samstag in Dresden ist Steinmeier weiter pausenlos durch die Republik unterwegs.

Nach dem Ende des Fernseh-Wahlkampfs wollen sich alle Parteien jetzt auf «Wähler-Massage» vor Ort konzentrieren. Der Kampf um die Stimmen auf den Marktplätzen und an den Haustüren wird forciert. Erfahrene Kampagnenplaner wissen, dass bei engen Mehrheiten schon kleine Stimmungsumschwünge und Terraingewinne viel bewirken können. Erklärtes Ziel der Sozialdemokraten ist es, die vielen immer noch zögernden Stammwähler auf der Zielgeraden einzusammeln. In der SPD- Zentrale gibt man sich zuversichtlich, dass dies gelingt. Für die Union geht es darum, auf der letzten Etappe ihre betont konservativen Wähler, die sich in den Merkel-Jahren nicht besonders gut bedient fühlten, doch noch möglichst zahlreich zurück ins Boot zu holen.

Auch die mögliche Verteilung der Überhangmandate, die bei einem knappen Rennen diesmal sogar den Ausschlag über die künftigen Machtverhältnisse geben könnten, dürfte in den nächsten Tagen noch Stoff für einige taktische Manöver bieten. Wer sich wie viele dieser Zusatzsitze im Parlament schnappt, hängt auch davon ab, ob vom «Stimmen-Splitting» kräftig Gebrauch gemacht wird. Mehr oder weniger offen setzen CDU und SPD in ihren jeweiligen Lagern auf größtmögliche Unterstützung für ihren Kandidaten im Wahlkreis mit der Erststimme. Bei zurückliegenden Wahlen hatte die Union dabei meist von FDP- «Leihstimmen» profitiert, die SPD von Grünen-Stimmen. Noch offen ist, ob diesmal Linkspartei-Wähler in größerer Zahl dem SPD-Bewerber vor Ort ihre Erststimme geben, um am Ende, wenn zusammengerechnet wird, so vielleicht Schwarz-Gelb im Bund zu verhindern.

Wahlen / Bundestag / Parteien
22.09.2009 · 06:53 Uhr
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