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Analyse: Käßmanns Fall ist Schlag für die Kirche

Margot KäßmannGroßansicht
Hannover (dpa) - Es ist ein tiefer Fall für Margot Käßmann nach einer brillanten Karriere bis an die Spitze der 25 Millionen Protestanten in Deutschland.

ach einer Alkoholfahrt mit 1,54 Promille ist die profilierte Theologin am Mittwoch als Bischöfin von Hannover und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zurückgetreten.

«Ich kann nicht mit der notwendigen Würde im Amt bleiben», sagt sie, als sie in grauem Kostüm und mit müdem Gesicht vor die Presse und ihre betroffen dreinschauenden Mitarbeiter tritt. Ihr Amt und ihre Autorität seien beschädigt: «Am vergangenen Samstagabend habe ich einen schweren Fehler gemacht, den ich zutiefst bereue.»

Für die evangelische Kirche ist Käßmanns jäher Abgang ein schwerer Schlag: Sie verliert ihr bedeutendstes Sprachrohr und erleidet einen schweren Glaubwürdigkeitsverlust. «Ihr Rücktritt ist ein schwerer Verlust für den deutschen Protestantismus», erklären EKD- Synodenpräsidentin Katrin Göring-Eckardt sowie der stellvertretenden EKD-Ratsvorsitzende, Nikolaus Schneider. «Die Gradlinigkeit und Klarheit in ihren theologischen, soziopolitischen und gesellschaftlichen Positionen werden der Evangelischen Kirche in Deutschland fehlen.» Bis zur nächsten Synodentagung Anfang November soll Schneider Käßmanns Spitzenamt übernehmen, dann gibt es eine Neuwahl. Käßmanns Nachfolger wird in ihre Fußstapfen erst hineinwachsen müssen.

Immer weniger besuchte Gotteshäuser und schrumpfende Finanzen - in dieser Krise hatte die evangelische Kirche in doppelter Hinsicht auf Käßmann als starke Führungsfrau gesetzt: Sie sollte die von ihrem Vorgänger Wolfgang Huber eingeleiteten Strukturreformen der Kirche weiterführen und mit ihrer mediengewandten und charmanten Art der Kirche in der Gesellschaft zu neuem Gewicht verhelfen. Nun machte sich die in Talkshows als Verfechterin sozialer Anliegen erprobte Bischöfin moralisch selber unglaubwürdig und fügte damit ihrer Kirche schweren Schaden zu.

«Die Freiheit, ethische und politische Herausforderungen zu benennen und zu beurteilen, hätte ich in Zukunft nicht mehr so wie ich sie hatte», sagte Käßmann. «Die harsche Kritik etwa an einem Predigtzitat wie "Nichts ist gut in Afghanistan" ist nur durchzuhalten, wenn persönliche Überzeugungskraft uneingeschränkt anerkannt wird.» Sie predigt Wasser und trinkt Wein - diesen Vorwurf hätte sich nicht nur Käßmann, sondern auch ihre Kirche bei einem Verbleib im Amt von gehässigen Kritikern gefallen lassen müssen.

Persönlich steht die 51-Jährige jetzt vor einem Scherbenhaufen: Gekämpft hat sie jahrzehntelang - für die Kirche, für soziale Anliegen im Inland und der Dritten Welt, für ihre Karriere als Frau in einer vielfach noch männerdominierten Kirche. Anders als bei dem Streit um die Afghanistan-Politik, mit dem sie zuletzt Schlagzeilen machte, ist sie erstmals ohne jede Verteidigung: An dem Promillewert und der überfahrenen roten Ampel lässt sich nichts herumdeuten. «Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand», sinnierte sie nach ihrem Rücktritt.

Mit ihrem Rücktritt beweist Käßmann allerdings persönlich Stärke und bewahrt sich und die Kirche vor einer kräftezehrenden Debatte darüber, wie viel sich ein Kirchenmensch als Vertreter hoher moralischer Instanz an Fehltritten erlauben kann. «Ich war mehr als zehn Jahre mit Leib und Seele Bischöfin und habe alle Kraft in diese Aufgabe gegeben», betonte Käßmann. Und ihre Energie will sie weiter für die Kirche geben: «Ich bleibe Pastorin der hannoverschen Landeskirche.» Ihre Erfahrung wolle sie gerne an anderer Stelle einbringen.

Die verhängnisvolle Alkoholfahrt - für Käßmann und die Kirche muss es wie ein Schicksalsschlag gekommen sein. Nachdem die beliebte Bischöfin aus Hannover jahrelang gemeinsam und erfolgreich mit ihrem EKD-Amtsvorgänger Wolfgang Huber die Kirche nach außen vertreten hatte, gab es nach ihrer Wahl als Modernisiererin an die Kirchenspitze im Herbst prompt kräftig Gegenwind: Mit ihrer Kritik am Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr werde der Bogen überspannt, war das Signal aus der Politik an Käßmann und die Kirche. Die Protestanten verlieren nun zwar eine markante Stimme - sprachlos aber wird die kritikfreudige evangelische Kirche dadurch nicht werden.

Kirchen / Kriminalität
24.02.2010 · 23:24 Uhr
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