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Analyse: Jubel um «Angie»

Angela MerkelGroßansicht
Berlin (dpa) - Bei den Vorhersagen für die FDP jubelten die CDU-Anhänger in der Parteizentrale kurz nach 18.00 Uhr am lautesten: Angela Merkel hat klarer als erwartet ihre Kanzlerschaft verteidigt - und darüber hinaus den Wechsel zu Schwarz-Gelb geschafft.

Dass die Union eines ihrer schlechtesten Ergebnisse eingefahren hat, drücken ihre Spitzenleute an diesem Abend zunächst noch weg. Doch die Debatte wird kommen.

Es war ein Wettlauf der Gerüchte an diesem Nachmittag im Konrad-Adenauer-Haus, der Parteizentrale. Über Stunden hielt sich aber immer eine Botschaft: «Schwarz-Gelb liegt vorn.» Kurz vor den Prognosen um 18.00 Uhr zählen die Anhänger die Sekunden herunter.

Dann ein bisschen Jubel, als die Prognosen für die Union über das Fernsehen verkündet werden. Der Applaus wird ein wenig kräftiger, nachdem der SPD das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte prophezeit wird. Geschrien und gehüpft wird aber erst beim dritten, verlesenen Resultat: Die rund 14 Prozent für die Liberalen entzünden die Emotionen in der CDU-Zentrale. Es reicht für Schwarz-Gelb. Um 18.02 Uhr dann die Rufe: «Angie, Angie, Angie.»

Die Siegerin des Abends verfolgt im Vorstandszimmer die Prognosen. Alle Mächtigen der Partei sind gekommen. NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, der Hesse Roland Koch und auch Niedersachsens Regierungschef Christian Wulff. Innenminister Wolfgang Schäuble und Bundestagspräsident Norbert Lammert sind ebenfalls da. Die Stimmung ist im Gegensatz zu vor vier Jahren gut. Merkel kommt erst zu den Anhängern, nachdem sie den Auftritt ihres Konkurrenten Frank-Walter Steinmeier verfolgt hat und alle Hochrechnungen stabil sind.

Um kurz nach sieben erscheint sie auf der Bühne. 4000 Besucher sollen an diesem Abend im Adenauer-Haus sein. Die Leute schreien. «Sie sind glücklich, ich bin es auch», sagt Merkel. «Wir haben geschafft, unser Wahlziel zu erreichen.» Die Vorsitzende dankt ihren Anhängern und Wählern - und fügt ganz in ihrer Rolle als Präsidialkanzlerin hinzu, dass sie weiterhin «Bundeskanzlerin aller Deutschen» sein wolle. Dann geht sie rasch zu den Interviews.

Die Wahl war angesichts der Einbußen nicht gerade ein Traumresultat für Merkel. Sie kann sich an diesem Abend aber bestätigt sehen - vor allem nach der Kritik an ihrem wenig polarisierenden Wahlkampfstil. Angesichts des zersplitterten Parteiensystems zweifelten viele in der Union im Wahlkampf gerade auf den letzten Metern daran, ob überhaupt eine «bürgerliche Mehrheit» gegen dem Rest der Parteien noch möglich ist. Merkel hat es gemeinsam mit ihrem Duzfreund Guido Westerwelle nun doch geschafft.

Es ist ein Erfolg ihrer Strategie und Popularität. Merkel hat die Union in die politische Mitte geführt. Systematisch hat sie der SPD Themen abgenommen. Der Mindestlohn - eine SPD-Forderung - war kaum ein Wahlkampfthema. Ursula von der Leyen verpasste der Union ein neues Familienbild. Der SPD blieb im Wahlkampf nur noch ihr Widerstand gegen die Atomkraft als Mobilisierungsthema. Die Union hatte zwar auch nicht viel mehr als das diffuse Versprechen nach Steuersenkungen anzubieten. Aber es reichte aus.

Die rund 33 Prozent sind für die Union kein großartiges Ergebnis. Es dürfte internes Gemurre auslösen, insbesondere in der CSU, der neuen 41-Prozent-Partei. Auch Rüttgers räumt nach der Gratulation für Merkel ein, dass über die Gründe für das schwache Resultat irgendwann einmal «zu reden sein wird». Zunächst bricht aber nun die Zeit der Kabinettsbildung an. «Die CDU ist immer eine Partei, die auf die Frage des Machtgewinns fixiert war», sagt ein CDU-Vorstandsmann. «Alles andere tritt dahinter erst einmal zurück.»

Irgendwann werden die Christdemokraten aber überlegen müssen, wie die immer stärkere Wählerwanderung aus dem Unionslager hin zu den Liberalen gestoppt werden kann. Sicher dürfte es Rufe nach «mehr Profil» und «Abgrenzung» auch zur FDP geben. Die CSU macht dies seit langem. Schon vor Wochen sagte einer ganz oben in der Parteihierarchie: «Wenn die FDP eine Koalitionsaussage zu unseren Gunsten macht, kommen wir nicht mehr als auf 36 Prozent.» Nun ist das Ergebnis noch schlechter. Zu groß war aber wohl die Verlockung für viele Wähler, der FDP die Stimme zu geben, um die Kanzlerschaft von Merkel zu sichern und die große Koalition zu beenden.

Eine Diskussion über einen Rückzug Merkels von der Parteispitze dürfte es aber trotz des schlechten Resultats kaum geben. «Sie hat die Wahl gewonnen. Sie hat ihr Ziel erreicht», stellte Fraktionschef Volker Kauder (CDU) lakonisch zu solchen Fragen fest.

Wahlen / Bundestag
28.09.2009 · 01:28 Uhr
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