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Analyse: Israel fühlt sich umzingelt

Eine Schule in Acshdod nach der Explosion einer palästinensischen Granate.Großansicht

Tel Aviv (dpa) - Die Serie blutiger Anschläge hat den Israelis drastisch ihre eigene Verwundbarkeit vor Augen geführt. Die Täter sickerten über die ägyptische Grenze ein, die lange als relativ sicher galt. Nun dürfte sich der jüdische Staat weiter einigeln.

Die brutalen Terroranschläge im Süden Israels haben den jüdischen Staat kalt erwischt. In diesem Sommer drehte sich für Israel alles um so unnormal «normale» Fragen wie zu hohe Mieten, überteuerten Hüttenkäse oder die Kosten von Kindergärten. Höchstens noch der Streit, ob der geplante Antrag der Palästinenser auf UN-Aufnahme Israel schaden könne, erhitzte die Gemüter. Doch alles verblasst angesichts der schwersten Anschläge seit drei Jahren mit acht Toten und 31 Verletzten im Süden des Landes. Der ursprünglich von Verteidigungsminister Ehud Barak geprägte Spruch von Israel als einer «Villa im Dschungel» unberechenbarer und feindlicher Nachbarn macht wieder die Runde.

Die bis zu 18 Angreifer waren am Donnerstag mit äußerster Brutalität aber auch Präzision vorgegangen. Auf der Nationalstraße 12 kurz vor dem Badeort Eilat am Roten Meer waren Israelis in Bussen und Autos unterwegs in den Urlaub oder auf dem Heimweg. Für sechs von ihnen nahm die Fahrt ein tödliches Ende: die von Ägypten aus eingesickerten islamischen Extremisten durchsiebten Busse mit Maschinenpistolen, schossen Privatautos mit Panzerabwehrraketen in Brand und ließen auch einen Militärjeep mit Hilfe einer Sprengfalle in die Luft gehen. Wohl die meisten der Angreifer entkamen dann unerkannt wieder über die Grenze nach Ägypten.

«Es ist klar, dass Ägypten die Kontrolle über den Sinai verloren hat», sagte der Sicherheitsexperte vom Institut für Terrorismusbekämpfung von der Universität in Herzlia, Eli Karmon, der Nachrichtenagentur dpa. Dieser Prozess habe schon vor dem Sturz von Husni Mubarak begonnen, aber jetzt sei die Lage dort gänzlich außer Kontrolle geraten. «Die Attentäter sind Gotteskrieger, sie sind nicht an einer Zweistaatenlösung für den israelisch-palästinensischen Konflikt interessiert, sie wollen gar keinen jüdischen Staat», sagt Karmon. Die im Gazastreifen herrschend Hamas hingegen sei vorsichtiger, weil sie international anerkannt werden wolle.

Hamas sei durchaus bereit, eine Zweistaatenlösung zu akzeptieren. «Aber nur, um von einem solchen palästinensischen Staat die endgültige Zerstörung Israels effektiver betreiben zu können», glaubt Karmon. Ob die Grenze zum Sinai auf Dauer für Israel ebenso gefährlich werde wie die zum Gazastreifen, werde sich erst nach den Wahlen - voraussichtlich im November - in Ägypten zeigen. «Sollte dann die Muslimbruderschaft die Oberhand gewinnen, hätten wir eine der Hamas ähnliche Regierung in Kairo», warnt Karmon. Einen wirklich effektiven Schutz vor Terroristen vom Sinai könne aber auch der im Bau befindliche Zaun nicht bieten.

Die Israelis bemühen sich unterdessen, so weit wie möglich ein normales Leben zu führen. In den Straßencafes von Jaffa schlürfen die Gäste Eiscafe und knabbern an Bio-Croissants, während am Himmel zwei Kampfhubschrauber gen Süden brummen. Dort, nur 60 Kilometer entfernt, liegt der Gazastreifen, wo die Menschen gerade wieder israelische Luftangriffe ertragen müssen, während die Israelis in den näher am Gazastreifen gelegenen Städten wie Aschdod, Beerscheva oder Aschkolon vor Raketen von Extremisten in Deckung gehen.

Und die Organisatoren der Sozialproteste haben alle für das Wochenende geplanten Kundgebungen abgesagt. Stattdessen soll es eine Mahnwache mit Kerzen geben. Für die Terroropfer und für soziale Gerechtigkeit.

Konflikte / Nahost / Israel
20.08.2011 · 08:45 Uhr
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