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Analyse: Irland - mehr zahlen und weniger bekommen

Die Iren werden sich an harte Sparmaßnahmen gewöhnen müssen.Großansicht

London/Dublin (dpa) - Irland lässt die Luft raus. Erst platzte die Immobilienblase und brachte die Banken ins Wanken. Jetzt muss die Regierung 85 Milliarden Euro internationale Hilfe in Anspruch nehmen und mit drastischen Einschnitten den totalen Bankrott verhindern.

Nachdem das Land jahrelang über seine Verhältnisse gelebt hat, müssen Studenten und Rentner, Sozialhilfeempfänger und Schulen kleinere Brötchen backen. Die Unternehmen kommen weitgehend ungeschoren davon: Die Körperschaftssteuer bleibt bei 12,5 Prozent.

Was hat Irland eigentlich falsch gemacht, dass es so in die Bredouille gekommen ist? Bis 2008 kamen von der grünen Insel nur positive Nachrichten. In Sachen Wirtschaftswachstum erteilte der keltische Tiger dem Rest Europas Lehrstunden. Mit der niedrigen Unternehmenssteuer lockten die Iren geschickt Investoren vor allem aus der Computer- und Pharmabranche an. Zehntausende Arbeitsplätze wurden geschaffen. Wohlstand entstand.

Die Liste der Investoren liest sich wie das «Who is Who» der Boombranchen: Siemens, Microsoft, Google, Facebook, Cisco... Allein deutsche Unternehmen investierten 5,5 Milliarden Euro und schufen 20 000 Jobs im einstigen Agrarland, das mit einem Ausfuhrvolumen von weit über einer Milliarde Euro noch heute weltweit größter Exporteur von Rindfleisch in der EU ist.

Es waren Immobilienspekulanten, die den Weg in die Krise ebneten. Überdimensionierte Projekte wurden gebaut - über das ganze Land verstreut und zu viel zu hohen Preisen. Die Immobilienwirtschaft schwoll auf zeitweise ungesunde 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes an, mit geborgtem Geld. Das Schlimme: Die Banken finanzierten - vom süßen Duft des ewigen Wachstums betört - nahezu alles. Der Staat leistete sich riesige Infrastrukturprojekte, baute Autobahnen und Flughäfen.

Als die Immobilienblase in Irland und weltweit platzte, standen alle mit heruntergelassenen Hosen da - die Spekulanten genauso wie die Geldverleiher. Die Spirale drehte sich plötzlich immer schneller nach unten, der Staat musste einspringen, obwohl ihm selbst die Steuern fehlten.

«Neureich», ist eines der häufigsten Worte, mit denen die Phase vor 2008 beschrieben wird. In den Luxus-Restaurants und Boutiquen von Dublin kann man die Überreste heute noch sehen. Ein Rennpferd zu besitzen gehörte schon fast zum guten Ton, manche leisteten sich auch einen Hubschrauber.

Damit ist jetzt Schluss. Die Iren werden, soviel ist nach der Verkündung der Regierung klar, in den nächsten Jahren leiden müssen. 2,8 Milliarden Euro wird der Staat allein bei den Sozialleistungen herausschneiden. Die Rentner bekommen weniger, die Zuweisungen an die Schulen werden gekappt, Studenten müssen Gebühren zahlen. Die Mehrwertsteuer wird in zwei Stufen bis 2014 um zwei Punkte auf 23 Prozent steigen. Die Menschen auf der grünen Insel, bisher an kostenloses Trinkwasser gewöhnt, müssen Wasseruhren installieren.

Mit ihrem 160-Seiten-Papier haben Finanzminister Brian Lenihan und Premierminister Brian Cowen - innenpolitisch extrem angeschlagen - gezeigt, dass sie zumindest einen Plan haben. «Ein vernünftiger und bedachter Weg aus dem Abschwung», sagte Lenihan. Wenn alles klappt, sinkt das enorme Staatsdefizit von derzeit 32 Prozent schon nächstes Jahr auf 9,1 Prozent, 2014 dann auf die erlaubten drei Prozent. Die gesamte Staatsverschuldung bleibt aber immer noch bei 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

Damit der Plan aufgeht, ist Wachstum notwendig. Nach 7,6 Prozent Minus im vergangenen Jahr deutet sich dank der starken Wirtschaftsstruktur, guter Exportwerte wegen der anziehenden Weltwirtschaft und eines größeren Industrieausstoßes in der Tat in diesem Jahr wieder ein ganz leichtes Plus in Irland an. Wirtschaftsexperten diskutieren schon darüber, ob die extremen Einschnitte gerade dafür nicht kontraproduktiv sind. Auch Cowen räumte ein: «Wir müssen erst ein paar Schritte zurück. bevor wir wieder nach vorne können.»

Finanzen / EU / Irland
24.11.2010 · 22:20 Uhr
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