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Analyse: Hiobsbotschaft für Boombranche

«Costa Concordia»Großansicht

Berlin/Stuttgart (dpa) - Die «Costa Concordia» hat schwere Schlagseite, bei der Rettung spielen sich chaotische Szenen ab. Die Bilder des Kreuzfahrt-Dramas passen ganz und gar nicht zu den Hochglanz-Prospekten einer erfolgsverwöhnten Branche - die nichts anderes als Träume auf See verkaufen will.

Seit Jahren boomt das Kreuzfahrtgeschäft - der Schiffbruch der «Costa Concordia» aber könnte die Branche erschüttern und eine neue Sicherheitsdebatte aufflammen lassen.

Als schweren Schlag für die Branche wertete die European Cruiser Association (Eucras), ein Verein für Passagiere und Crew-Mitglieder, das Drama vor der toskanischen Küste mit mindestens fünf Todesopfern. Das Unglück sei angesichts der modernen Navigationsgeräte ein Rätsel, sagte Eucras-Präsident Stefan Jaeger. Der Deutsche Reiseverband (DRV) dagegen hielt sich zunächst zurück: Man müsse erst einmal abwarten, was die Ursache des Unglücks sei, sagt Sprecher Torsten Schäfer.

Unter den Besuchern der Urlaubsmesse CMT in Stuttgart ist das Unglück am Wochenende Thema vieler Gespräche. «Wir haben uns die Frage gestellt, wie so was mit der heutigen modernen technischen Ausrüstung passieren kann», fragt ein Besucher: «Man macht sich Gedanken, ob man überhaupt wieder eine Kreuzfahrt macht.» Susanne und Peter Bäsler aus Esslingen haben bereits eine Entscheidung getroffen. «De facto wollte ich eine Reise wieder mit Aida im September buchen. Dieses Unglück ist für mich unfassbar. Und wenn es denen passiert, kann es auch einer Aida passieren», sagt Susanne Bäsler.

Eine andere Besucherin dagegen meint: «Wir haben für Juni eine Reise gebucht und wir gehen trotzdem», sagt Andrea Eberle aus Weinstadt. «Man bekommt schon Gänsehaut, wenn man das sieht, aber ich denke, Flugzeuge stürzen auch ab, mit dem Auto kann auch jeden Tag etwas passieren.»

DRV-Sprecher Schäfer sieht trotz der Havarie der «Costa Concordia» keine negativen Auswirkungen auf die Branche. Kreuzfahrtschiffe gehörten zu den sichersten Verkehrsmitteln. Und: «So schlimm dieses Unglück ist, es zeigt einmal mehr, dass wir uns in einer Welt bewegen, wo jeden Tag etwas passieren kann.»

Seit Jahren ragen die Wachstumskurven der Kreuzfahrtbranche steil nach oben, mit satten Zuwächsen von rund 20 Prozent. Galten Kreuzfahrten angesichts der teuren Preise lange Zeit als Nische, ist die Branche längst auf dem Weg zum Massenmarkt. Das Angebot hat sich in den vergangenen Jahren erheblich differenziert. Neben Luxus-Schiffen können Urlauber auch vergleichsweise preiswerte Reisen auf «Clubschiffen» buchen, immer mehr junge Leute stechen in See.

1,2 Millionen Passagiere in Deutschland buchten laut DRV 2010 eine Kreuzfahrt auf hoher See, die Zahlen für 2011 sollen im März vorgelegt werden. Das Geschäft hat sich zu einem Milliarden-Markt entwickelt, die Veranstalter von Hochsee-Kreuzfahrten, zum Beispiel Aida und Hapag-Lloyd, kamen 2010 auf einen Umsatz von mehr als zwei Milliarden Euro. Und die Branche erwartet noch goldenere Zeiten. «Der Markt ist noch sehr unterentwickelt in Deutschland», sagt Schäfer und verweist darauf, dass zum Beispiel in Großbritannien oder den USA viel mehr Menschen in Relation zur Gesamtbevölkerung eine Kreuzfahrt unternähmen.

Die führenden US-Reedereien derweil sind angesichts des lahmenden Wachstums auf dem Heimatmarkt auf Expansionskurs in Europa, der Kampf auch um den deutschen Markt wird härter. In den USA sitzt auch der weltweite Branchenprimus Carnival. Ende der 90er Jahre kauften die Amerikaner die traditionsreiche italienische Reederei Costa Crociere - deren Schiff «Costa Concordia» nun kenterte.

Am Messestand von Costa auf der Reisemesse CMT ist am Sonntag niemand zu sehen. Auf einer Tafel steht: «Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen, denen wir unser tiefes Beileid und Mitgefühl aussprechen. Zurzeit setzen wir all unsere Kräfte dafür ein, die Rettungsaktion abzuschließen.»

Schifffahrt / Unfälle / Italien
15.01.2012 · 21:31 Uhr
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