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Analyse: Guttenbergs düstere Prophezeiung wurde wahr

Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg bei einer Trauerfeier für vier am 15. April 2010 in Afghanistan getötete Soldaten.

Berlin (dpa) - Auf diesen Tag hat Verteidigungsminister Karl- Theodor zu Guttenberg (CSU) immer wieder vorbereitet. In diesem Jahr sei mit weiteren Verlusten der Bundeswehr in Afghanistan zu rechnen, sagte er nach den tödlichen Gefechten mit den Taliban im April mehrfach.

Sieben Tote hatte die Bundeswehr damals innerhalb von zwei Wochen zu beklagen. Es war der verlustreichste Monat für die deutschen Truppen seit Beginn ihres Einsatzes am Hindukusch Anfang 2002.

Am Donnerstag wurde die düstere Prophezeiung Guttenbergs zur Realität. In der nordafghanischen Unruheprovinz Baghlan wurde ein Trupp der Bundeswehr angegriffen, der eine Straße sichern sollte. Bei dem Selbstmordanschlag wurde mindestens ein Soldat getötet, sechs Soldaten wurden verletzt - zwei davon schwer. Es ist insgesamt der 44. tote deutsche Soldat in Afghanistan. 27 davon fielen in Gefechten oder durch Anschläge.

Keine zwei Stunden nach der Attacke trat Guttenberg im Plenarsaal des Bundestags in Berlin ans Rednerpult. In der Debatte ging es um die Versorgung von Soldaten, die in Afghanistan verwundet oder traumatisiert wurden. «Mich hat soeben eine sehr traurige Nachricht erreicht», sagte der Minister sichtlich betroffen. «Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Soldaten und ihren Familien.»

Es ist keine sechs Wochen her, dass Guttenberg die deutschen Soldaten in Baghlan besucht hat. Als erster deutscher Spitzenpolitiker hielt er sich für zwei Stunden an einem Vorposten mitten im Kampfgebiet auf. «Es ist ganz wichtig, dass man die Realitäten nicht nur vom Schreibtisch aus beurteilt», sagte er damals. Möglicherweise hat er bei seinem Kurzbesuch an der Front sogar Soldaten getroffen, die jetzt getötet oder verletzt wurden.

Zum wiederholten Mal nutzten die radikal-islamischen Taliban einen symbolträchtigen Tag für eine Attacke. Am Donnerstag jährte sich die Invasion der internationalen Truppen unter Führung der USA zum neunten Mal. Im April nutzten die Taliban mit dem Karfreitag einen der höchsten christlichen Feiertage für einen Angriff auf eine Bundeswehr-Patrouille in Kundus. Nach stundenlangen Gefechten hatte die Bundeswehr drei Tote zu beklagen.

Zwei Wochen später griffen die Taliban die Bundeswehr in Baghlan an. Vier Soldaten wurden getötet. Die Attacke kam während eines Besuchs Guttenbergs im deutschen Feldlager in Feisabad. Die Nachricht von den Toten erreichte den Minister auf dem Rückflug nach Usbekistan im Hubschrauber. An Zufall mochte niemand so richtig glauben.

Im Ministerium und in der Truppe vor Ort war mit weiteren Toten schon im Sommer gerechnet worden. Fast jeden Tag gab es Meldungen über Raketenangriffe auf deutsche Feldlager, Gefechte und Sprengfallen. Tote waren glücklicherweise nicht zu beklagen, auch nicht zur Parlamentswahl im September. Danach - so hoffte man bei der Bundeswehr - könnte es wieder ruhiger werden. Die Hoffnung wurde am Donnerstag grausam zerschlagen.

Spätestens im nächsten Jahr will die internationale Schutztruppe ISAF das Ruder in Afghanistan herumreißen und eine Trendwende erreichen. Das Ziel ist, die ersten Provinzen in die Hände der afghanischen Sicherheitskräfte zu übergeben. Eine davon soll nach den Vorstellungen von Außenminister Guido Westerwelle im Zuständigkeitsbereich der Bundeswehr im Norden liegen. Bis 2014 sollen die Afghanen wieder für die Sicherheit im ganzen Land verantwortlich sein. Ein ehrgeiziger Plan.

Bis jetzt hat sich die Sicherheitslage in Afghanistan kontinuierlich verschlechtert. Die Zahl der Toten stieg drastisch. «Noch nie wurden so viele ausländische Soldaten getötet und verletzt wie in diesem Jahr», kritisiert Linksfraktionschef Gregor Gysi.

In diesem Jahr wurden die internationalen Truppen noch einmal aufgestockt, die Ausbildung afghanischer Soldaten und Polizisten deutlich verstärkt. Sollten im nächsten Jahr keine Ergebnisse sichtbar werden, wird der Unmut auch in Deutschland weiter anschwellen. Die große Mehrheit der Bevölkerung ist ohnehin gegen eine deutsche Beteiligung an dem Krieg. Im Februar hat der Bundestag das nächste Mal über eine Verlängerung des Einsatzes zu entscheiden. Die Debatte darüber ist schon jetzt wieder aufgeflammt.

Guttenberg wird auch weiter mahnen, der Realität des Afghanistan- Einsatzes ins Auge zu sehen. Wahrscheinlich in der nächsten Woche wird er an der dritten Trauerfeier in Deutschland für gefallene Soldaten innerhalb eines halben Jahres teilnehmen. «Tod und Verwundung sind Begleiter unserer Einsätze geworden, und sie werden es auch in den nächsten Jahren sein - wohl nicht nur in Afghanistan», hatte er in seiner letzten Trauerrede in Ingolstadt im April gesagt.

Konflikte / Bundeswehr / Afghanistan
07.10.2010 · 21:48 Uhr
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