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Analyse: Griechen zählen ihre Freunde

Straßenszene in AthenGroßansicht
Athen (dpa) - In Griechenland greift die Angst vor einem Zusammenbruch um sich. Die Menschen bestaunten am Montagmorgen die Schlagzeilen in den Zeitungen: «Sogar der 13. Lohn ist auf dem (Operations-)Tisch und könnte amputiert werden», meinte die regierungsnahe «Ta Nea».

«Unsere Vormund-Vermögensverwalter geben uns jetzt Befehle», titelte die linksliberale «Eleftherotypia». Vor allem Rentner, die als Paar zusammen 500 Euro bekommen und in den Vierteln Athens und der Hafenstadt Thessaloniki verborgen vor den Kameras der zahlreichen Berichterstatter und der Touristen leben, machen sich Sorgen um ihre Existenz. Andere, die Jahrzehnte lang in Deutschland gearbeitet haben, verfolgen mit großem Interesse die Berichterstattung in Deutschland, das für viele Griechen als letzte Hoffnung erscheint, aus dieser Krise heil herauszukommen. «Aber wer nicht helfen will, soll es lassen, nur sollte er nicht unter die Gürtellinie treten», hieß es.

«Wir zählen jetzt unsere Freunde. Viele Medien berichten in einer Art, die einer schlechten Show ähnelt. Auf eine plakative Art, die nichts nützt», sagte der 60 Jahre alte Grieche Spyros K., der in Hannover aufgewachsen ist und in Athen eine kleine Autowerkstatt betreibt, der Nachrichtenagentur dpa. Es sei falsch, kontinuierlich von den «Pleitegriechen» zu reden.

«Wir sind in Europa eine Familie und haben schließlich alle Leichen im Keller. Die Deutschen auch», sagte ein Kunde der Werkstatt.

Für viele Griechen aber hat die Entwicklung der vergangenen Tage auch eine erlösende Wirkung - und bedeutet einen Hoffnungsschimmer: «Endlich werden die EU und der IWF kommen, Ordnung schaffen und das Land modernisieren», sagt Andreas, der Inhaber des Cafés «Melina» in der Athener Altstadt unterhalb der Akropolis. Die Griechen hätten zu lange gedacht, das Leben auf Pump könne weitergehen.

Es sei die sogenannte Zwei-Drittel-Gesellschaft, die von dieser kombinierten Korruption und Vetternwirtschaft sowie EU-Gelder- Kassiererei gelebt habe. Zwei Drittel der Gesellschaft seien in diese Sache verwickelt und profitierten oder hofften, zu profitieren. Das werde jetzt zwangsweise ein Ende haben, meinten Kunden des Cafés.

«Was aber nun?», fragen viele. Es gebe drei Szenarien: Nach dem guten Szenario geht alles nach Plan: Die Euroland-Partner und der IWF gewähren die Kredite, die griechische Regierung unter Ministerpräsident Giorgos Papandreou schafft es, alle nötigen Reformen in die Tat umzusetzen und die Märkte werden überzeugt, dass Athen es schaffen kann. «Dann wäre dies ein kleiner Sieg für uns und ein großer Sieg für Europa und das Euroland», meinte die angesehene Zeitung «To Vima».

Das zweite Szenario ist schlimm: Die Gelder fließen zwar, die Regierung schafft es aber nicht, den Staats-Wasserkopf dazu zu bewegen, die Reformen in die Tat umzusetzen und vor allem dem Nationalsport «Steuerhinterziehung» ein Ende zu setzen. Dann wäre eine große Koalition der regierenden Sozialisten mit den oppositionellen Konservativen nicht auszuschließen. Eine solche Regierung könnte dann versuchen, mit der Brechstange die Reformen durchzusetzen.

Und dann wäre da noch das Horrorszenario: Gewaltige Streiks untergraben jede Sparmaßnahme und jede Modernisierung. Griechenland versinkt im Chaos und der Horizont der griechischen Zukunft verdunkelt sich. «Dann wird das Mittelalter beginnen», meinte ein Radiokommentator. Die Zeitung «To Vima» urteilte auf ihrer Internetseite: «Die (wirtschaftliche) Heilige Dreifaltigkeit (IWF- EZB-EU) bestimmt nun, was wir machen.»

Finanzen / Griechenland
26.04.2010 · 21:49 Uhr
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