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Analyse: Google wagt große Kraftprobe mit China

Google legt sich mit der Regierung in Peking an.Großansicht
Peking (dpa) - Der Internet-Konzern Google fordert die chinesische Regierung heraus. Trotz unmissverständlicher Warnungen aus Peking weigert sich das US-Unternehmen seit Montag, sich der von der Regierung verordneten Zensur-Politik zu beugen und die eigenen Angebote zu filtern.

Stattdessen leitet Google seine Suchmaschine google.cn nun vorerst unzensiert auf seine Server in Hongkong um. Doch auch von dort aus dürften Nutzer aus China kaum ohne weiteres auf unzensierte Inhalte zugreifen können. Zumindest aber zog Google mit diesem Schritt die Konsequenzen aus der Entscheidung, sich nicht mehr selbst zensieren zu wollen.

Chinas Behörden hatten sich in den vergangenen Wochen knallhart gezeigt. Alles andere wäre eine politische Sensation gewesen, weil es eine generelle Lockerung der Kontrolle der Kommunistischen Partei über das Internet bedeutet hätte, was die roten Meinungswächter auf keinen Fall zulassen wollen. Doch zieht sich Google keineswegs komplett aus der mit 384 Millionen Nutzern weltweit größten Internetgemeinde zurück.

So will das Unternehmen zum Beispiel sein Forschungszentrum in Peking weiterbetreiben. Auch andere Geschäftsbereiche wie Google Maps, Gmail (in Deutschland Google Mail), mobile Lösungen und Übersetzungsdienste, die sich in China rasant entwickeln, sollen weiterlaufen. Schaden nimmt allerdings das allgemeine Investitionsklima. «Es wird große psychologische Auswirkungen haben», sagt der Internetexperte und bekannte Blogger Michael Anti. Seit Monaten klagen zunehmend mehr ausländische Unternehmer, dass China ihnen das Leben immer schwerer mache.

Googles Anteil von einem Drittel des Suchmaschinenmarkts in China mit einem Volumen von insgesamt 6,95 Milliarden Yuan (rd. 740 Millionen Euro) könnte teilweise an den chinesischen Marktführer Baidu und andere, kleinere Suchmaschinen fallen. Auch Microsoft könnte mit seiner Suchmaschine Bing profitieren. Allerdings hat Bing heute erst weniger als ein Prozent Anteil am chinesischen Markt. Der Name war auch denkbar unglücklich gewählt, da das Wort «Bing» im Chinesischen mit Krankheit übersetzt wird. Microsoft wechselte deshalb in China zu «Bi Ying», was «antworten müssen» bedeutet.

«Es ist Googles Entscheidung», sagt Blogger Anti zur Schließung. «Gemessen an ihren Standards macht es Sinn.» Um den chinesischen Wachstumsmarkt zu erobern, hatte Google vor vier Jahren seinen Grundsatz «Tue nichts Böses» merklich aufgeweicht und sich mit der Zensur in ein Boot begeben. Ein massiver Hacker-Angriff auf Quellcodes und sein Email-System Gmail im Dezember veranlasste das Unternehmen aber, seine Geschäfte in China grundsätzlich zu überdenken. Chinesische Hackerexperten sprechen von «richtiger Unternehmensspionage», die nach Google-Angaben ihren Ursprung in China hatte.

Google hat der Zensur aber auch grundsätzlich den Kampf angesagt, weil es eine wachsende Gefahr sei. In nur acht Jahren ist die Zahl der Regierungen, die routinemäßig das Internet zensieren, von einer Handvoll auf mehr als 40 angestiegen. Mehr als 25 Länder haben auch Google-Dienste geblockt. Das Google-Videoportal YouTube, Online- Netzwerke wie Facebook und Twitter, Dienste wie Blogger und Wikipedia sind in China ständig gesperrt. Auch Länder wie der Iran, Pakistan, Saudi-Arabien, Pakistan, Thailand, die Türkei, Indonesien oder Syrien sperren solche Dienste. Trotzdem zählten bei den Protesten im Juni im Iran YouTube und Twitter zu den besten Quellen für Berichte aus erster Hand.

«Es ist zwingend erforderlich, dass Regierungen, Unternehmen und Individuen mehr tun, um sicherzustellen, dass das Internet ein machtvolles Medium bleibt, um ohne Beschränkungen politische Meinungen, religiöse Ansichten und andere wichtige Dinge zu äußern», sagte Google-Vizepräsidentin Nicole Wong bei einer jüngsten Anhörung im US-Kongress. Die Debatte drehe sich aber nicht nur um Menschenrechte. «Es geht auch um das weitere wirtschaftliche Wachstum, das durch ein freies und weltweit zugängliches Internet angetrieben wird.»

Menschenrechte / Internet / China / USA
23.03.2010 · 21:53 Uhr
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