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Analyse: Gespräch munterer als erwartet

Aus der Sesselperspektive fotografiert: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier beim TV-Duell.Großansicht
Berlin (dpa) - Der Kandidat setzt auf Angriff. Beim TV-Duell mit Bundeskanzlerin Angela Merkel versucht Außenminister Frank-Walter Steinmeier an diesem Sonntagabend zwei Wochen vor der Bundestagswahl seine letzte Chance zu nutzen.

Bis zu der Provokation, dass die in Verruf gekommenen Banken und Versicherungen der CDU viel mehr spendeten als seiner SPD. Präsidial-Kanzlerin Merkel müht sich, ihre Wohlfühl-Wahlkampflinie dennoch durchzuziehen. Bei einigen Zuschauern hat Steinmeier offensichtlich die Nase vorn: In einer ersten Umfrage der ARD finden 45 Prozent Steinmeier überzeugender, nur 23 Prozent Merkel. Andere Umfragen sehen Merkel leicht vorn: So oder so: Steinmeiers Auftritt könnte den Wahlkampf am Ende noch einmal spannend machen.

Der Kandidat hat sich vor den geschätzten 20 Millionen Zuschauern etwas vorgenommen. Es gebe «eine bessere Alternative» als Angela Merkel im Amt des deutschen Regierungschefs - «nämlich mich», sagt er selbstbewusst. Folgerichtig spricht der SPD-Außenminister Merkel nicht als Kanzlerin an, sondern als «Kandidatin». Zumindest der Start des Duells fällt überraschend munter aus.

Merkel will sich aber nicht auf einen direkten Schlagabtausch einlassen. Die CDU-Chefin lobt die große Koalition, die «gut gearbeitet» habe, aber eben unter ihrer Führung. Von Fragen will sie sich von dem Moderatoren-Quartett nicht in die Enge treiben lassen, auch wenn sich Peter Kloeppel, Peter Limbourg, Maybrit Illner und Frank Plasberg durchaus Mühe geben, dies zu tun. «Ich beantworte die Fragen, so wie ich es mir vorgenommen habe.»

Die erste Zeit kämpfen sie mehr mit den munteren Fragestellern, als gegeneinander. Merkel hat ihre Erklärungsschwierigkeiten, als die Rede auf die Atomkraft oder Mindestlöhne kommt. Für Steinmeier wird es unangenehm, als er über seine Koalitionsaussichten Auskunft geben soll. Merkel fragt ihn wie einstudiert nach seinem Verhältnis zur Linkspartei.

Beide hatten sich am Samstag und Sonntag etwas Ruhe gegönnt - nach Wochen, in denen sie von Wahlkampfauftritt zu Wahlkampfauftritt geeilt waren. Sie wollten frisch in das Studio nach Adlershof kommen. Dass der damalige Kanzler Gerhard Schröder 2002 ziemlich ausgepowert zum ersten Duell mit Edmund Stoiber erschienen war und prompt eine schlechtere Figur abgeben hatte als erwartet, hatten ihre Berater nicht vergessen.

Merkel schnupperte bis Sonntagmittag noch auf ihrem Wochenendgrundstück die frische Luft der Uckermark. Steinmeier versuchte in seinem Haus in Berlin, etwas zu entspannen. Wie sich die beiden Rivalen genau vorbereiteten - daraus machten beide Seiten ein ziemliches Geheimnis. So wollten weder das Merkel-Lager noch die Berater des Außenministers verraten, ob sie einen speziellen Coach engagiert und etwa schon einmal mögliche Duell-Szenen geprobt hatten.

«Es ist ein wichtiges Ereignis im Wahlkampf», lautete die einigermaßen kryptische Auskunft aus der Umgebung der Kanzlerin. Entsprechend würde sich die Chefin auch vorbereiten. Aber natürlich spielten die Berater und Einflüsterer mit ihren Schützlingen schon einmal mögliche Angriffs-Szenarien des Gegners durch. So hatte sich das Merkel-Lager etwas auf eine Attacke des Kandidaten beim Thema Managergehälter vorbereitet, die auch prompt kommt.

So wurde bei aller gespielten Gelassenheit nichts dem Zufall überlassen. Beide erschienen überpünktlich in Adlershof, so als wollten sie schon die Atmosphäre aufnehmen. Steinmeier in einem anthrazitfarbenen Anzug traf um 19.14 Uhr als erster ein, Hand in Hand mit Gattin Elke Büdenbender.

11 Minuten später fuhr die Kanzlerin vor, wie nicht anders zu erwarten, ohne Begleitung ihres Manns Joachim Sauer, der politische Auftritte lieber meidet. Stattdessen hatte sie Büroleiterin Beate Baumann und Medienberaterin Eva Christiansen dabei. Auch sie hatte einen dunklen Anzug entschieden, nur in der Farbe dunkelblau.

Und ja, dieses TV-Duell war auch wieder ein gesellschaftliches Ereignis. Um zu demonstrieren, wie toll sie im Volk verankert sind, hatten SPD und Union wieder einige prominente Unterstützer nach Adlershof gelotst. Wobei die Sozialdemokraten - rein zahlenmäßig betrachtet - die Nase leicht vorn hatte.

Etwas unfreiwillige Komik hat das Duell aber doch. Zum Beispiel, als Merkel nach den Preisen der Billig-Friseure in Berlin gefragt wird und allen Udo-Walz-Besuchen zum Trotz antwortet: «Ich kenn mich da relativ gut aus.» Oder als die beiden Großkoalitionäre in der ersten Zwischenbilanz feststellen müssen, dass sie mit 13:19 Minuten auf die Sekunde genau gleich gesprochen haben. «Das haben wir geplant», behauptet Steinmeier.

Je länger die Sendung dauert, desto mehr kräftiger wird der Eindruck, dass beide auch ganz gut miteinander weiter regieren könnten. Besonders die Rettung Opels verteidigen beide im Duett - auch wenn Steinmeier betont: «Stellen Sie sich vor, Schwarz-Gelb hätte regiert - dann wäre Opel heute mausetot.» In ihrem Schlussstatement grenzen sie sich wieder voneinander ab. Und egal wie die Wahlen ausgehen werden, Merkel betont, nun wieder ganz präsidial: «Die Zeiten, die jetzt kommen, sind alles andere als einfach.»

Bundestag / Wahlen / TV-Duell
13.09.2009 · 23:25 Uhr
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