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Analyse: Gemischte Gefühle im Ölpest-Gebiet

Ein umfunktioniertes Krabbenfischerboot bringt schwimmende Barrieren bei Venice, Louisiana aus.

Venice (dpa) - Das «Static Kill»-Manöver scheint zu funktionieren, BP spricht von einem «Meilenstein». Im Süden Louisianas schöpfen die Menschen Hoffnung - doch Sorge bereiten die Langzeitfolgen. Und auf die wichtige Öl-Industrie wollen und können sie nicht verzichten.

«Big "O"» und die anderen Charterkapitäne und Fischer von Venice ganz im Süden Louisianas haben es gewusst. «Ich bin absolut zuversichtlich, dass sie es stopfen», zeigte sich Owen Langridge optimistisch, als sich BP bei seiner Ölquelle am Golf von Mexiko an das «Static Kill»-Manöver machte. Der endgültige Sieg über das Bohrloch nach mehr als 100 Tagen Drama scheint nun zum Greifen nah. Aber in die Freude und Hoffnung mischt sich auch eine kräftige Portion Skepsis unter jenen, die mit dem Meer ihr Geld verdienen - auch wenn ein neuer ein Regierungsbericht darauf hindeutet, dass alles vielleicht doch nicht ganz so schlimm ist wie befürchtet.

Tropenschwüle lastet schwer auf der Cypress Cove Marina von Venice, der Himmel ist bleigrau. «Das Öl sitzt im Marschland und wird dort so schnell nicht verschwinden», meint schulterzuckend Gerard Barrois, ein pensionierter Polizist. Hafenmeister Mike Ballay machen unterdessen die chemischen Bindemittel mehr Sorgen: «Vielleicht haben wir in zwei, drei Jahren Fische mit nur einem Auge», knurrt er, nur halb im Scherz. «Die Meeresfrüchte müssen anständig getestet werden. Wenn sie unbedenklich sind, werden die Leute auch wieder hierher zurückkommen.» Immerhin: Am Wochenende ist er rausgefahren aufs Meer, nachdem die Behörden die Gewässer wieder für die Fischerei freigegeben hatten. Und der Fang war gut.

Einem neuen Regierungsbericht zufolge sollen in der Tat Dreiviertel des Öls, das seit Ende April aus dem Bohrloch geschossen war, bereits verdunstet, aufgelöst, aufgesammelt oder auf andere Weise unschädlich gemacht worden sein. Nur 26 Prozent seien noch im Meer oder am Ufer - Forscher glauben, dass dieser Rest wohl keinen allzugroßen Schaden mehr anrichtet. Die «New York Times» merkt am Mittwoch jedoch an, dass es die für den Report federführende US-Wetter- und Klimabehörde NOAA war, die zu Beginn der Katastrophe die Menge des ausgetretenen Öls deutlich unterschätzt hatte.

Carol Browner, oberste Energie- und Klimaberaterin von Präsident Barack Obama, zeigt sich jedenfalls optimistisch. «Unsere Wissenschaftler und externe Forscher glauben, dass die allergrößte Menge des Öls nun im Griff ist. Es wurde abgeschöpft. Mutter Natur hat ihren Teil getan. Es ist verdunstet. Ich glaube, wir haben die Wende geschafft», sagte sie dem Sender CNN am Mittwoch.

Aber endgültig Entwarnung wollen weder Browner noch die NOAA-Chefin Jane Lubchenco geben. «Ich glaube, wir kennen die ganzen Auswirkungen der Ölpest auf das Ökosystem und die Menschen am Golf noch nicht», räumt Lubchenco ein. Eine der größten Fragen sei, welche Folgen das Öl auf die Eier und Larven von Fischen, Krebsen und Krabben hat. Aufschluss darüber werden wohl erst die nächsten Generationen der Meeresbewohner geben. Jedoch: «Wir sind in der glücklichen Lage, dass die Abbaurate im Ökosystem des Golfs recht hoch ist.»

Für Beraterin Browner ist der Kampf gegen das Bohrloch solange noch nicht gewonnen, bis die Quelle in einem zweiten Schritt von unten über einen eigens angelegten Nebenzugang mit Zement versiegelt ist. «Der "Static Kill" kommt gut voran, aber am Ende ist es die von uns angeordnete Entlastungsbohrung, die der "finale Kill-Kill" ist.»

Auch wirtschaftlich scheint es für die Menschen in der Region wieder voranzugehen, seit das Bohrloch Mitte Juli provisorisch gestopft wurde. 20 bis 25 Kundenanfragen habe er in den vergangenen Tagen bekommen, berichtet Charterkapitän Langridge zufrieden. Mit Beginn der Ölpest kollabierte sein Geschäft. Zum 1. Mai, dem Beginn der dreimonatigen Haupt-Fangsaison, waren alle Ausfahren abgesagt. In die Bresche sprang der BP-Konzern, der «Big "O"» und sein Boot fortan für Transporte von Mitarbeiter und Küstenwacht-Personal bezahlte. Seine Einbußen, sagt der Kapitän, seien dadurch ausgeglichen worden.

Für die anderen, die sich an der Cypress Cove Marina ebenfalls ihren Lebensunterhalt verdienen, scheint sich der Schaden durch die Ölpest auch in Grenzen zu halten. Die Touristen blieben zwar weg, dafür tauchten als Kundschaft Helfer, Einsatzkräfte und Medien ein. «Das Hotel hier ist seit drei Monaten voll, das Restaurant ist seit drei Monaten voll», weiß Hafenmeister Ballay und schiebt sich die Kappe zurecht. Ein Stück die Straße rauf steht auf einem Schild: «Ölpest-Camper sind hier willkommen.» Wer von außerhalb kommt, wird erzählt, bekommt derzeit kaum eine Unterkunft.

In einem sind sich die Kapitäne und Fischer von Venice einig: Die Ölindustrie darf sich nicht zurückziehen. Seit jeher, betonen alle, lebt man friedlich zusammen, hilft einander. In der Tat: Entlang des Highway 23, der von New Orleans nach Venice führt, reihen sich Raffinerien und Filialen von Ölfeld-Ausrüstern. Die allgegenwärtigen wohnwagenähnlichen Kunststoffhäuschen entlang der Straße machen klar: Hier lebt man nur vorübergehend.

«Venice wäre nicht Venice ohne das Öl», sagt Hafenmeister Ballay. «Auf keinen Fall dürfen sie aufhören, nach Öl zu bohren», sekundiert Kapitän Langridge. «Sie müssen einfach weiterbohren. Ein Bohr-Moratorium wäre das Schlimmste, was passieren könnte.»

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Umwelt / USA
04.08.2010 · 22:59 Uhr
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