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Analyse: Gabriel steigt in die erste Liga auf

im Partnerlook: Sigmar Gabriel und Gerhard Schröder bei Gabriels 50. Geburtstag.Großansicht
Berlin (dpa) - Gerade mal zwei Wochen ist es her, da kokettierte er noch mit dem baldigen Abschied aus der großen Politik. Er sei jetzt in einem Alter, in dem man in seiner Harzer Heimat gerade als volljährig gelte, erzählte Sigmar Gabriel bei der Feier zu seinem 50. Geburtstag.

Und sein Lebenstraum sei es ohnehin, einmal Oberbürgermeister seiner Heimatstadt Goslar zu werden, gab er in der alten Schlosserei des Rammelsberger Bergbaumuseums preis.

Doch damit wird es jedenfalls vorläufig erst einmal nichts. Seit Donnerstag ist es offiziell, dass Gabriel sich als nächster Parteichef daran versuchen soll, die SPD vor dem Untergang zu retten.

Prominente Gäste sagten dem bislang mehr wegen seiner Leibesfülle gewichtigen Sozialdemokraten schon bei seinem runden Geburtstag eine glänzende Zukunft voraus. «Du spielst erste Liga und machst einen prima Job», bescheinigte ihm Franz Müntefering. «Irgendwann» würden die Trikots ausgetauscht und Gabriel werde sich mit der Größe «XXL» in der SPD an vorderster Stelle etablieren. Und auch sein anderer langjähriger Förderer bescheinigte dem Jubilar eine «bemerkenswerte» Entwicklung. «Sigmar Gabriel hat nicht nur viel vor. Er hat auch noch viel vor sich», schmeichelte Gerhard Schröder, der mit seinem ungeduldigen Zögling über lange Strecken ziemlich über Kreuz lag.

Müntefering ahnte damals wohl nicht, dass seine Vorhersage schon nach so kurzer Zeit eintreffen würde. Einiges spricht dafür, dass der lange als «Harzer Roller» in der Partei bespöttelte Gabriel mitten im Wahlkampf tatsächlich ernsthaft über einen politischen Ausstieg nachdachte. Als künftiger Fraktionschef im Bundestag sei er nicht durchsetzbar, sagte Gabriel Vertrauten in Berlin. Und als Hinterbänkler in der Opposition wolle er nicht versauern.

Dass Gabriel urplötzlich ganz oben ist, liegt an dem schrecklichen Wahlsonntag, der das Machtgefüge in der SPD über Nacht durcheinander wirbelte. Doch auch in dieser Situation bewies Gabriel wieder Machtinstinkt. Mit führenden SPD-Linken, mit denen er politisch eigentlich nichts am Hut hat, stellte er rechtzeitig die personellen Weichen für die neue SPD-Zeit in der Opposition.

Kaum ein anderer Sozialdemokrat ist von den eigenen Leuten so oft fallengelassen und dann wieder aufs Schild gehoben worden. Gabriel gehörte bislang nie zur engeren Führung. Selbst bei der Wahl zum SPD-Präsidium fiel der studierte Gymnasiallehrer für Deutsch und Politik 2007 durch. Für diese Blamage machte er die Linke um die künftige Generalsekretärin Andrea Nahles verantwortlich, mit der er bis vor kurzem kein Wort mehr wechselte.

Den Ruf des Sprunghaften und Trickreichen eilte dem Sohn einer alleinerziehenden Krankenschwester schon aus seiner Zeit in Hannover voraus. Dort wurde er mit 40 Jahren jüngster deutscher Länder- Regierungschef. Nachdem Gabriel die Landtagswahl 2003 krachend verloren hatte, wechselte er nach Berlin. Dort brachte er es aber zunächst nur zum «Pop-Beauftragten» des SPD-Vorstands, was ihm den bis heute anhängenden Spitznamen «Sigi Pop» eintrug.

Eher überraschend kam deshalb 2005 seine Berufung zum Umweltminister in der großen Koalition. Mit Matthias Machnig holte sich Gabriel einen bestens vernetzten Strippenzieher als engsten Mitarbeiter ins Haus. Aus den turbulenten SPD-Debatten hielt sich Gabriel weiter heraus und profilierte sich ungewohnt diszipliniert in seinem Ressort. Im zurückliegenden Wahlkampf punktete der Niedersachse, der mit einer Zahnärztin liiert ist, mit geschickt lancierten Kampagnen gegen die Atomenergie. Spätestens damit empfahl er sich in den eigenen Reihen wieder für Höheres.

Schon seit längerem gilt Gabriel wohl als bester Redner, den die SPD aufbieten kann. Mit griffigen Formulierungen kann das politische «Alphatier» ganze Säle zum Kochen bringen. Doch auch in seinem niedersächsischen Landesverband ist Gabriel bis heute nicht unumstritten. Der verweigerte dem Bundesminister bei der Listenaufstellung zur Bundestagswahl einen Spitzenplatz als Zugpferd. Beleidigt verzichtete Gabriel und setzte ganz auf Risiko. Seinen Wahlkreis Salzgitter-Wolfenbüttel verteidigte er am vergangenen Sonntag mit rund 45 Prozent.

Parteien / SPD
01.10.2009 · 16:28 Uhr
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