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Analyse: Fukushima spaltet die Medienwelt

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Wien (dpa) - Der Blick in die internationalen Medien legt einen ungewöhnlichen Schluss nahe: Je näher die Menschen am Unglückskraftwerk Fukushima dran sind, desto besonnener scheinen die Reaktionen zu sein.

Geigerzähler sind in den Läden ausverkauft und Apotheken rationieren die Abgabe von Jodtabletten - im fast zehntausend Kilometer von Fukushima entfernten Österreich. In Tokio gehen die Menschen dagegen noch überwiegen ruhig zur Arbeit, obwohl in ihrer Nähe bereits erhöhte Radioaktivitätswerte gemessen wurden. Die Welt reagiert völlig unterschiedlich auf die unsichtbare Bedrohung aus Japan. Auch die Medien setzen je nach Land ihren Akzent mehr auf Beruhigung oder Warnung. Für Experten spielt dabei die Mentalität und die jeweilige Haltung zu Atomkraft eine Rolle.

«Gerade auf nationaler Ebene können die Medien niemals objektiv sein, weil sie eben aus dem nationalen Blickwinkel berichten», sagt der Medienexperte Jo Groebel. So berichten eher atomkritische Länder wie Deutschland mit Boulevardschlagzeilen wie «Japan in Angst vor dem Super-GAU» oder «Der Atom-Schock» eher über die schlimmstmögliche Entwicklung. Die österreichische «Kronenzeitung» sah auf ihrem Titel am Mittwoch bereits in signalgelb eine «Todeswolke über Tokio». Aus Japan ankommende Passagiere am Wiener Flughafen mussten sich auf Anordnung der Bezirksbehörde einer aus Expertensicht völlig sinnlosen Strahlenuntersuchung unterziehen.

Für Groebel hat das mit der gesellschaftlichen Haltung gegenüber Atomkraft zu tun und einer historisch gewachsenen Skepsis gegenüber Neuem: «Deutschland und Österreich sind traditionell technologiepessimistischer als beispielsweise Japan oder die USA.» Dazu kommt, dass in Österreich nie ein Atomkraftwerk in Betrieb ging und auch in Deutschland ein Großteil der Bevölkerung Nuklearenergie ablehnt. In Frankreich gebe es die Debatte auch, aber der Platz, der dem Thema eingeräumt werde sei nichts im Vergleich zum deutschsprachigen Raum, analysiert der Experte.

Denn im Vergleich zu Deutschland hängt Frankreich deutlich mehr von Atomkraft ab - rund 80 Prozent der Energie des Landes kommen aus nuklearen Quellen. «Das japanische Drama bedroht die Zukunft der Nuklearenergie», titelt daher auch die Zeitung «Le Figaro» am Mittwoch.

Die ebenfalls von der Atomkraft abhängigen Weltmächte Großbritannien und USA haben für Reaktionen wie das Aus für mehrere Atomkraftwerke in Deutschland nur ein Kopfschütteln übrig. «Die meisten Alternativen sind Illusionen», schreibt der linksliberale «Guardian» in Großbritannien, und Kohle als gangbarer Weg sei klimaschädlich. Auch in den US-Medien kann von Panikmache keine Rede sein. Sowohl Nachrichtensender als auch Zeitungen berichten zwar sehr umfassend und detailliert über die Katastrophe in Japan, allerdings auch sehr sachlich.

In der Asien- und Pazifikregion ist von Panik wegen der schweren Störfalle am japanischen Atomkraftwerk Fukushima Eins wenig zu spüren. Angst vor einer Strahlenwolke geht nach Auskunft von Beobachtern kaum um, die Medien berichten nach Einschätzung von Groebel deutlich zurückhaltender. In der aufstrebenden Nuklearnation Indien ist die Atomkatastrophe in Japan ein großes Thema, das es - selten für Auslandsthemen - prominent auf die Titelseiten der Zeitungen schafft. Von einer Panik ist das Land aber weit entfernt. «Kein Mensch würde hier einen Geigerzähler kaufen», sagt ein Beobachter.

«In Asien ist das eine ganz andere Ausgangssituation, da sind die Risiken Realität», sagt Groebel. Deshalb läge es näher, in der Berichterstattung die Lösung stärker zu betonen als mögliche Komplikationen. Medien hätten dann die Rolle, in einer chaotischen Situation eine Kontrollinstanz zu sein. Auch könne man nicht erwarten, dass alle Länder Atomkraft so kritisch sehen wie Deutschland: «Das wird dort einfach ganz anders eingeordnet - da wird nicht gleich alles über den Haufen geworfen.»

Erdbeben / Atom / Medien / Japan
17.03.2011 · 00:21 Uhr
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