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Analyse: Freie Fahrt für die Erneuerbaren?

Berlin (dpa) - Es ist schwer, noch mitzukommen bei den sich überschlagenden Ereignissen in diesem März. Über das Wochenende hat Fukushima eine der spektakulärsten Volten in der deutschen Politik ausgelöst.

Noch 2010 legte Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) seinem Parteifreund und Umweltminister Norbert Röttgen den Rücktritt nahe, weil dieser für eine nur moderate Laufzeitverlängerung eingetreten war. Nun ist Mappus dafür, ganz schnell Alternativen zu prüfen.

Dabei hatte sein Land erst gerade die Mehrheit des Akw-Betreibers EnBW erworben. «Die Aktien kann Mappus jetzt in den Ofen werfen», sagt ein CDU-Mann. Fukushima dürfte, so zynisch es klingt, zum Siegeszug der Ökoenergien führen. In der Branche wird allerdings betont, es gebe angesichts der Bilder aus Fukushima keine Aufbruchstimmung. «Aber wir stehen bereit», heißt es.

Schon ab 2020 könne man Atomkraft in Deutschland komplett verzichtbar machen, sagt der Bundesverband Erneuerbare Energien. Sein Präsident Dietmar Schütz: «2007 standen beispielsweise bis zu sechs Reaktoren still. Trotzdem hatte Deutschland in dieser Zeit die höchsten Strom-Exportüberschüsse in der Geschichte des Landes.» Unter Verweis auf eine Studie des Wirtschaftsministeriums wird betont, dass man bis zum Jahr 2020 auch nicht 3600 Kilometer an neuen Stromautobahnen zum Ausbau der Ökoenergien brauche, sondern nur einige hundert Kilometer.

Die Börse ist ein guter Indikator, um zu bewerten, was für eine Wende nun in der Energiepolitik eintreten könnte. Vergangene Woche veröffentlichte die Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) einen Index, wonach deutsche Solaraktien 2010 die größten Kapitalvernichter waren. Wer vor fünf Jahren 1000 Euro in Papiere des Berliner Modulhersteller Solon setzte, besitze heute noch 90 Euro, sagte DSW-Hauptgeschäftsführer Ulrich Hocker. Der Grund lag in der Billigkonkurrenz aus China und in den Solarförderkürzungen - auch weil angesichts von eigentlich zu viel Atomkraft ein Systemkonflikt zwischen Atom- und Ökostrom drohte.

Am Montag, nach dem Aussetzen der Laufzeitverlängerung, fielen die Aktien der Akw-Betreiber Eon und RWE um mehr als fünf Prozent, während Solarpapiere um teils 20 Prozent in die Höhe schossen. «Der Handlungsdruck ist nun hoch», sagt EU-Energiekommissar Günther Oettinger (CDU). Der lange - auch von den Konzernen - nicht gerade beschleunigte Netzausbau muss nun forciert werden. Zudem müssen Speicher wie zum Beispiel Pumpspeicherwerke her, um die schwankende Sonnen- und Windstrom-Erzeugung auszugleichen. «Jede Verkürzung des Bremsweges Kernkraft muss zugleich begleitet werden von einem gewaltigen Schub in Richtung europäische Infrastruktur, Europäisierung der Energiepolitik und Ausbau der Speicherkapazitäten», sagt Oettinger.

Vor allem müssen nun aber die Projekte mit riesigen Windparks auf hoher See rascher angegangen werden. In Deutschland sind bisher offshore-Projekte mit einer möglichen Leistung von 8713 Megawatt geplant. Zum Vergleich: Das größte deutsche Atomkraftwerk Isar II hat eine Bruttoleistung von 1485 MW. Rund 40 Windparks sollen in Nord- und Ostsee in den nächsten Jahren entstehen, bis 2030 sollen hier Anlagen mit einer Gesamtleistung von 25 000 MW entstehen.

Bisher gibt es als größere Anlage aber nur den Park «alpha ventus» in der Nordsee. Es gibt technische Probleme, zudem fehlen Netze zum Abtransport, und die Wartung kostet viel Geld. Die Regierung will nun Genehmigungsverfahren bündeln, zudem wurde über die staatliche KfW-Bank eine 5-Milliarden-Programm mit zinsgünstigen Krediten aufgelegt, um den Bau von zehn Offshore-Windparks zu beschleunigen.

Der Grünen-Politiker Hans-Josef Fell war vor elf Jahren neben dem verstorbenen «Solar-Papst» Hermann Scheer (SPD) einer der Väter des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Bei einem Besuch in seinem Büro Ende August, kurz vor der Entscheidung zur Laufzeitverlängerung, malte er eine stark steigende Kurve beim Anteil der Ökoenergien auf ein Blatt Papier. Da, wo sie besonders ansteigt, zeigte er immer wieder mit dem Kugelschreiber drauf und sagte: «Jetzt ist noch die einzige Möglichkeit, den Siegeszug der Erneuerbaren zu zerstören».

Und in der Tat: Die Erneuerbaren kamen in den folgenden Monaten unter enormen Druck, besonders brenzlig waren Forderungen nach einer EU-weiten Harmonisierung der Förderung, was eine Aushebelung der üppigen deutschen Öko-Subventionen bedeutet hätte. Aus vernünftigen Gründen wurde zudem die Solarförderung gekürzt, gleiches ist nun bei der Biomasse geplant, um Überförderungen zu vermeiden.

Fell betont nun: «Die Welt und Deutschland brauchen jetzt einen völlig neuen Entwurf für die Energieversorgung. Die weltberühmten Universitäten Stanford und Davis in Kalifornien haben einen Plan für die Erde vorgelegt, wonach die Umstellung auf eine globale Vollversorgung mit Erneuerbaren Energien bis 2030 technologisch, industriell und ökonomisch machbar und vorteilhaft ist.»

Besonders die Windbranche, die als eine der sinnvollsten Optionen beim Ausbau der Ökoenergien gilt, hofft nun, musste sie doch zuletzt einen deutlichen Rückschlag beim Ausbau an Land hinnehmen - auch weil wegen zu viel Strom im Netz zwangsweise Abschaltungen der Mühlen drohten. Nach Erhebungen des Deutschen Windenergie-Instituts wurden vergangenes Jahr 1551 Megawatt (MW) Windleistung neu installiert. Im Vergleich zum Vorjahr war dies ein Rückgang um 19 Prozent. Insgesamt drehten sich Ende 2010 in Deutschland 21 607 Windräder. Würden sie sich alle mit voller Leistung drehen, könnten sie mehr Strom produzieren als die 17 Atomkraftwerke. Aber solche Momente sind rar gesät - auch wenn sich der politische Wind nun dreht.

Atom / Bundesregierung / Energie / Deutschland
15.03.2011 · 11:15 Uhr
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