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Analyse: Französin Lagarde soll zum Währungsfonds

Die französische Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde gilt als die große Favoritin für die Nachfolge des inhaftierten Währungsfonds-Chefs Dominique Strauss-Kahn.

Brüssel (dpa) - Krisen machen schwierige Entscheidungen gelegentlich einfacher. So könnte es auch bei der Nachfolge von Dominique Strauss-Kahn beim Internationalen Währungsfonds (IWF) sein.

Die Europäer müssen mitten in der schweren Schuldenkrise in Griechenland und Portugal geschlossen auftreten. Sonst schwimmen ihnen die Felle bei der einflussreichen Washingtoner Finanzinstitution endgültig davon. «Bloß kein Streit», lautet deshalb die Devise in Brüssel.

Unter diesem Vorzeichen werden der französischen Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde die besten Chancen im Postenpoker gegeben. Die 55-Jährige Juristin mit dem Silberhaar habe einen «sehr soliden Ruf», meint ein EU-Diplomat. «Das wird derzeit durch die französische Präsidentschaft der G20 noch verstärkt.»

Die mögliche Kandidatin hält mit sich öffentlichen Äußerungen zurück. Auf Fragen zu ihren Absichten antwortet sie nur mit einem Lächeln: «Vive l'Europe (es lebe Europa).» Ein möglicher Stolperstein für die elegante Französin könnte aber ein drohender Prozess in einer alten Finanzaffäre sein.

Als ein weiterer möglicher Bewerber wird der frühere britische Premier Gordon Brown genannt. Die Europäer wollen ihren Führungsanspruch beim Währungsfonds auf jeden Fall aufrechterhalten. Bei der Reform der Krisenfeuerwehr IWF verzichteten sie bereits auf zwei Sitze im Exekutivdirektorium, das insgesamt 24 Mitglieder hat. Den Chefsessel will Europa zumindest bis zum Ende von Strauss-Kahns regulärem Mandat behalten, das Ende nächsten Jahres ausläuft.

Der Vorsitzende der Euro-Finanzminster, Luxemburgs Jean-Claude Juncker, bestätigt dies in einem typischen Schachtelsatz: «Die Lage hat sich insofern verändert, als Herr Strauss-Kahn zurückgetreten ist, während wir uns im Epizentrum einer weltweiten Krise als Eurozone befinden - so dass es doch Sinn macht, dass wir noch einmal versuchen sollten, wieder einen Europäer in dieses wichtige Amt zu hieven.»

Zwischen den Hauptstädten werde viel telefoniert, berichten Diplomaten lapidar. Bundeskanzlerin Angela Merkel dringt in Berlin auf eine rasche Entscheidung bei der Neubesetzung. Überzeugende deutschen Kandidaten hat die CDU-Politikerin aber nicht zu bieten.

Der frühere Bundesbankpräsident Axel Weber warf im Rennen um den Chefposten bei der Europäischen Zentralbank das Handtuch und gilt deshalb in Brüssel als nicht vermittelbar. Auch der frühere SPD-Finanzminister Peer Steinbrück hat nach Ansicht von Experten keine Chancen. Er lehnte es vor Jahren ab, die Leitung des Lenkungsausschusses des IWF - das ist ein hochrangiges Gremium - zu übernehmen. Außerdem eckte er im Streit um Steuerparadiese mit kernigen Sprüchen gegen kleine Länder wie Luxemburg an.

Strauss-Kahn trat im Skandal um Vorwürfe einer versuchten Vergewaltigung zurück. Selbst Kritiker halten dem Franzosen zugute, dass er in der Schuldenkrise sehr professionell den IWF bei der Rettung von Euroländern ins Spiel brachte. Es gibt bereits Sorge, dass sich der IWF langfristig von Europa und seinen Schuldenproblemen abwenden könnte. «Das wäre eine Katastrophe», meint ein Experte, der ungenannt blieben will. «Strauss-Kahn war einer der ersten, der begriffen hat, dass die Schuldenkrise nicht ein Regional- oder ein europäisches Problem ist, sondern eine Gefahr für die Finanzstabilität in der ganzen Welt.»

Bei der Kür eines neuen IWF-Generaldirektors müssen sich nicht nur die Europäer einigen. Die internationalen Partner müssen auch einverstanden sein. Bisher machen die US-Amerikaner und die Europäer die Chefposten bei den Washingtoner Finanzinstitutionen unter sich aus. Ein Europäer leitet den Währungsfonds, während ein US-Amerikaner die Weltbank führt. Aus China wird bereits explizit ein Ende dieser Praxis gefordert.

Kriminalität / IWF / USA / Frankreich
19.05.2011 · 23:24 Uhr
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