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Analyse: Europas Südosten schwört auf Atomkraft

AKW BeleneGroßansicht

Berlin (dpa) - So heftig wie in Deutschland wird die Debatte über den künftigen Kurs in der Atompolitik in kaum einem anderen Land geführt. Es gibt hartnäckige Verfechter. In einigen Ländern zeichnet sich nach der Nuklearkatastrophe in Japan aber auch ein Umdenken ab.

TSCHECHIEN - hält trotz Protesten an der Atomkraft fest. Für eine vorübergehende Abschaltung des umstrittenen Kernkraftwerks Temelin gebe es nicht den geringsten Grund, sagte Ministerpräsident Necas am Donnerstag in Prag. «Die tschechische Regierung müsste eine Gruppe von absolut Verrückten sein, um auf so etwas einzugehen.» Eine Abschaltung der Atommeiler Dukovany und Temelin, die zusammen ein Drittel der Energieerzeugung Tschechiens sicherstellten, würde den «wirtschaftlichen Kollaps» des Landes nach sich ziehen.

BULGARIEN - setzt sich energisch für den Bau des Kernkraftwerks Belene an der Donau ein. «Wir wollen, dass es das Akw Belene gibt», sagte Ministerpräsident Bojko Borissow am Donnerstag. Der russische Hersteller hatte am Vortag die «einzigartigen Sicherheitssysteme» für das künftige Kernkraftwerk mit zwei 1000-Megawatt-Reaktoren gelobt. Auch das einst umstrittene Atomkraftwerk Kosloduj sei nach einer Umrüstung nun sicher. «Wir sind für jegliche Stresstests aus Europa bereit», sagte Borissow.

TÜRKEI - hält an den Plänen für den Bau von Atomkraftwerken fest. «Es gibt keine Investitionen ohne Risiko», sagt Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. «Anders ausgedrückt, man dürfte sonst auch keine Gasflasche benutzen.» Ein erstes Akw mit vier Reaktorblöcken und einer Gesamtleistung von 4800 Megawatt sollen russische Unternehmen in Akkuyu am Mittelmeer bauen - nur 25 Kilometer von einer geologischen Verwerfungslinie entfernt. Das Projekt soll 15 Milliarden Euro kosten und 2020 fertig sein. Ein zweites Akw in Sinop am Schwarzen Meer soll bis 2023 fertiggestellt werden.

USA - verspricht Sicherheitsüberprüfungen. Die Regierung bleibt aber bisher bei ihrer Linie und versucht, Sorgen vor allem angesichts des Alters ihrer Kernkraftwerke zu zerstreuen. Diese erfüllten «höchste Sicherheitsstandards», sagt Energieminister Steven Chu. Sie könnten solche Erdstöße und Tsunamis wie die in Japan aushalten. Präsident Barack Obama ist ein ausgesprochener Verfechter der Kernkraft. Der Ausbau des Netzes von derzeit 104 - alten und alternden - Reaktoren, die rund ein Fünftel der US-Elektrizität produzieren, gehört zu den Säulen seiner Energiepolitik.

ISRAEL - verwirft Pläne für ein neues Akw. Regierungschef Benjamin Netanjahu beschloss am Donnerstag, Pläne für einen neuen Meiler über Bord zu werfen. Die Pläne für den Bau eines neuen Atomkraftwerks waren in Israel bisher nicht öffentlich bekannt. In Israel gibt es bisher lediglich einen Reaktor - die streng geheime Anlage in Dimona. Der fast 50 Jahre alte Reaktor in der Wüste erzeugt keinen Strom.

CHINA - versetzt selbst Umweltschützer in Erstaunen. Nachdem der Volkskongress noch am Montag unverdrossen einen gigantischen Ausbau der Kernenergie beschlossen hatte, kam zwei Tage später die Wende. Peking setzte die Genehmigung neuer Kernkraftwerke zunächst aus und will die Freigabe von weiteren Sicherheitstests abhängig machen. «Sicherheit ist unsere Top-Priorität», betonte das Kabinett unter Leitung von Ministerpräsident Wen Jiabao.

VIETNAM - plant den Bau von acht Atomkraftwerken im Zentrum des Landes, die bis 2030 insgesamt 16 000 Megawatt Strom produzieren sollen. «Japans nukleare Krise wird unsere Baupläne nicht beeinflussen», sagte Vuong Huu Tan, Vorsitzender der vietnamesischen Atomenergie-Kommission. «Vietnam wird die modernste Nukleartechnologie nutzen, die auch sicher gegen solche Störfälle läuft.»

INDONESIEN - erwägt, auf der Insel Bangka östlich von Sumatra bis 2025 vier Reaktoren zu bauen. Bedenken meldete eine Koalition von Nichtregierungsorganisationen und Wissenschaftlern an: «Sogar ein Land wie Japan, das bekannt für seine strikten Sicherheitsstandards und seine soziale Disziplin ist, zudem im Umgang mit Katastrophen sehr erfahren, hat Probleme, das zu stoppen, was wir jetzt als eine nukleare Katastrophe erleben.»

THAILAND - hatte gerade eine breit angelegte Informationskampagne zur Atomkraft gestartet. Jetzt ordnete der Premierminister eine Überprüfung der Pläne an. Geplant sind fünf Reaktoren bis 2025. «Die öffentliche Wahrnehmung der Atomreaktoren ist eine der fundamentalen Herausforderungen für die Politik», sagt Tara Buakhamsri, Energie-Spezialist bei Greenpeace in Thailand. «Was auch immer die Regierung jetzt sagt, nach Japan werden die Menschen ihr nicht glauben.»

MALAYSIA - will bis 2021 ein Zwillings-Nuklearkraftwerk mit einer Gesamtkapazität von zwei Gigawatt bauen. Politischer Widerstand zeichnet sich ab. «Ein Kernreaktor ist etwas Neues in Malaysia», sagt Chua Soi Lek, Präsident der Malaysian Chinese Association, der zweitgrößten Partei in der regierenden Koalition. «Die Regierung sollte überdenken, ob es eine echte Notwendigkeit für das Kraftwerk gibt.»

BRASILIEN - hatte unter seinem früheren Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva beschlossen, das seit zwei Jahrzehnten darniederliegende Atomprogramm wieder zum Leben zu erwecken. Zusätzlich zu zwei bestehenden Druckwasserreaktoren im Akw Angra soll dort bis 2015 ein dritter Reaktor ans Netz gehen. Vier weitere Reaktoren sind im Planungsstadium. Doch die Befürworter zeigen sich verunsichert. Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff sei «extrem beunruhigt über die Auswirkungen (der Katastrophe in Japan) auch auf unsere Atompolitik», sagte der Generalsekretär des Präsidentenamtes, Gilberto Carvalho.

CHILE - will noch vor einem Besuch von US-Präsident Barack Obama an diesem Freitag ein Kooperationsabkommen mit den USA zur Entwicklung der Atomtechnik unterschreiben. Energieminister Laurence Golborne versuchte, seine Landsleute zu beruhigen. «Chile muss dies (die Atompläne) unter langfristigen Gesichtspunkten betrachten», sagt er. Vor gut einem Jahr hatte ein Erdbeben fast so stark wie das in Japan weite Teile Chiles verwüstet.

ARGENTINIEN - bemüht sich Zweifel zu zerstreuen. Es bestehe überhaupt kein Grund, wegen der Vorgänge in Japan die argentinischen Pläne zu ändern, betonte der Leiter der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit in der Nationalen Kommission für Atomenergie (CNEA), Gabriel Barceló. Argentinien befinde sich nicht in einer Erdbebenregion und die Technik in den Reaktoren sei auch ganz anders als in Japan. Zwei Atomkraftwerke, Atucha 1 und Embalse bei Córdoba, sind in Betrieb, ein zweiter Block, Atucha 2, steht kurz vor der Fertigstellung.

MEXIKO - verfügt bisher über nur ein einziges Atomkraftwerk. «Laguna Verde» liegt im Bundesstaat Veracruz am Golf von Mexiko etwa 290 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Ob die Kernenergie ausgebaut werden soll, wird zurzeit diskutiert.

VENEZUELA - zieht die Notbremse: Nachdem Präsident Hugo Chávez erst im vergangenen Jahr bei einem Moskau-Besuch eine Vereinbarung über den Bau eines russischen Kernkraftwerkes angekündigt hatte, ordnete er jetzt an, die Atompläne angesichts der «schmerzenden Bilder aus Japan» sofort auf Eis zu legen.

Atom / International
18.03.2011 · 00:22 Uhr
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