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Analyse: Ende einer «Ochsentour»

Guido Westerwelle spricht in einer Regierungsmaschine in Richtung Israel mit den Journalisten.Großansicht
Jerusalem (dpa) - Der Mann ist ständig in Bewegung. Knetet die Finger, streicht sich über die Haare, zupft nochmals die längst perfekt sitzende Anzugjacke zurecht.

Wer Guido Westerwelle in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem im Blick behält, merkt gleich, wie sehr es ihm in der neuen Rolle als Außenminister noch an Routine fehlt. Zwar war er 2002 schon einmal als FDP-Chef hier, wo der Massenmord der Nazis so eindrucksvoll dokumentiert wird wie nirgendwo anders auf der Welt. Aber heute muss er Deutschland repräsentieren.

Und Westerwelle weiß, dass er unter Beobachtung steht. Weil er beim vorigen Mal zu lange zuließ, wie sein Parteivize Jürgen Möllemann mit antijüdischen Stimmungen spielte. Aber auch so ist es eben ein ziemlicher Unterschied, ob man sich in Jad Vaschem als Chef einer Oppositionspartei mit der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen hat oder als Vizekanzler. Locker ist anders.

Das Museum macht am späten Abend eigens für Westerwelle nochmals auf. Mehr als eine Stunde nimmt er sich Zeit für den Rundgang, begleitet von Charlotte Knobloch, der Präsidentin des Zentralrats der Juden. Vorbei an Auschwitz-Modellen, an Deportationszügen und an unzähligen Fotos von Opfern und Tätern. «Das kennt man aus dem Geschichtsbuch», sagt er. Mehrfach lobt er die ungewöhnliche Architektur des Neubaus, der 2002 noch im Entstehen war.

Und dann kommt Westerwelle zu der Stelle, wo daran erinnert wird, dass die Nazis nicht nur Juden in den Tod schickten, sondern auch Kommunisten, «Zigeuner» und Homosexuelle. Ein Foto zeigt einen SS-Mann vor dem legendären Berliner Schwulenclub «Eldorado», der dann 1934 dichtgemacht wurde. Westerwelle sagt nur: «Homosexuelle auch.» Dazu knetet er die Finger noch ein wenig mehr.

Zum Abschluss nimmt der deutsche Außenminister die Präsidentin des Zentralrats in den Arm. Ins Gedenkbuch schreibt er: «Wir werden nicht vergessen. Unsere Verantwortung bleibt. Unsere Freundschaft wächst.» Das ist das Motto für den diplomatischen Balanceakt, den Westerwelle zwischen diesen beiden Polen zu absolvieren hat. Nicht leicht, den richtigen Ton zu finden - gerade für jemanden, der unter allen Umständen jeden Fehler verhindern will.

Die Reise ins Heilige Land ist die letzte wichtige Station von Westerwelles Vorstellungs-Touren - und gewiss auch die schwierigste. Vermutlich war es mehr als vernünftig, damit so lange zu warten. Ob im Gespräch mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, Außenminister Avigdor Lieberman oder Palästinenser-Regierungschef Salam Fajad - die Fallen lauern überall. Aber nirgendwo leistet sich Westerwelle einen Fauxpas.

Der FDP-Chef entscheidet sich für das geringste Risiko. Er ermuntert beide Seiten, endlich wieder miteinander zu verhandeln. «Wir müssen alles tun, um den Friedensprozess so schnell wie möglich wiederzubeleben.» Zu einer Zwei-Staaten-Lösung gebe es keine Alternative. Mit öffentlicher Kritik am Siedlungsbau der Israeli in den besetzten Gebieten hält sich der Außenminister zurück, ebenso mit Kritik am innerpalästinensischen Dauerstreit. Bloß keine einseitigen Schuldzuweisungen.

Und von einer Vermittlerrolle wie die Vorgänger Fischer und Steinmeier will er überhaupt noch nichts wissen - selbst als Lieberman die neue Bundesregierung ermuntert, sich stärker einzumischen. Ein größeres Engagement sei willkommen - «bei allem, was im Nahen Osten geschieht». Als lobenswertes Beispiel nennt er die Bemühungen um eine Freilassung des vor knapp dreieinhalb Jahren entführten israelischen Soldaten Gilad Schalit, wo der Bundesnachrichtendienst an entscheidender Stelle mitverhandelt. Das Thema beschäftigt die Israeli mehr als der Westerwelle-Besuch.

Stattdessen belässt es der Minister meist bei Allgemeinplätzen. Wie der Devise «Begegne allen Leuten mit Respekt, Freundlichkeit und rheinischer Herzlichkeit». Für die ersten Wochen hat das gereicht. Die eigenen Ideen bewahrt er sich für später auf. Jetzt stehen nur noch in Wien und Prag Antrittsbesuche an - zwei Städte, in denen wenig schief gehen kann. Dann ist der neue Außenminister mit der «Ochsentour» (O-Ton Westerwelle) erst einmal durch.

International / Deutschland / Israel
24.11.2009 · 13:16 Uhr
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