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Analyse: EM-Boykott gegen Ukraine spaltet Polen

Die zwei Maskottchen der UEFA Euro 2012 auf einem Platz in Posen: Jetzt wirft die Kontroverse um die inhaftierte Oppositionsführerin Timoschenko einen Schatten auf das Sportfest. Foto: Lukasz OgrodowczykGroßansicht

Warschau (dpa) - Tagelang herrschte in Polen Schweigen zu den immer lauter werdenden Boykottforderungen westlicher Politiker, die der Ukraine bei der Fußballeuropameisterschaft die kalte Schulter zeigen wollen.

Angesichts der Vorreiterrolle Polens beim Versuch, den östlichen Nachbarn stärker nach Europa zu holen, war die Stille an der Weichsel besonders auffällig.

Lediglich Außenamtssprecher Marcin Bosacki wunderte sich in der vergangenen Woche über die Reaktionen im Westen, sprach von «Missverständnissen». «Diejenigen, die jetzt mit einem Boykott der Ukraine während der EM drohen, waren in der Vergangenheit nicht so prinzipientreu, wenn es sich um größere Länder handelte», mokierte er sich.

Gleichzeitig wies er darauf hin, dass Polen sich wiederholt für die inhaftierte ukrainische Oppositionsführerin Julia Timoschenko stark gemacht hatte. Die Behandlung der kranken Timoschenko, die offiziell wegen Korruption verurteilt wurde, belastet seit Monaten das Verhältnis zwischen der Ukraine und den EU-Staaten.

Österreich hatte am Mittwoch als erstes Land den Boykott der EM angekündigt, die Polen und die Ukraine gemeinsam in jeweils vier Städten ihres Landes ausrichten. Mittwochabend meldete sich der polnische Staatspräsident Bronislaw Komorowski zu Wort. «Völlig unangemessen» sei ein Boykott der Ukraine, warnte das Staatsoberhaupt in einem Fernsehinterview. Die EM solle für die Ukraine eine Chance sein zu zeigen, dass sie sich um die Annäherung an den Westen bemühe: «Das alles ist jetzt bedroht.»

Der nationalkonservative Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski hielt am Donnerstag dagegen, auch Polen müsse den ukrainischen Teil der EM boykottieren. «Europa muss ein klares Signal zur drastischen Verletzung der Menschenrechte in der Ukraine setzen», forderte der Chef der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS).

Mehr noch: Ein Boykott alleine werde die Ukraine kaum zu einem Kurswechsel im Umgang mit der Opposition bewegen. «Die entsprechenden europäischen Institutionen sollten ein Szenario vorbereiten, das der Ukraine das Recht nimmt, die EM zu organisieren und die Spiele in ein anderes Land verlegt», schlug Kaczynski vor.

Komorowski dagegen warnte, ein Boykott der Ukraine treibe das Land nur in die Arme Russlands und mache die Bemühungen der vergangenen Jahre um eine Westintegration zunichte. Für Polen hat die Anbindung der Ukraine an westliche Strukturen schon seit Jahren Vorrang in der Osteuropapolitik des Landes - unabhängig davon, wer in Kiew regiert.

Während der orangenen Revolution war der damalige polnische Präsident Aleksander Kwasniewski einer der wichtigsten Vermittler zwischen Regierung und Demokratiebewegung. Zahlreiche Polen, die zu jung gewesen waren, um sich in der polnischen Bürgerrechtsbewegung vor dem Fall des Kommunismus zu engagieren, reisten damals kurz entschlossen nach Kiew, um die ukrainischen Demonstranten auf dem Freiheitsplatz zu unterstützen.

Neben dem nun aufkommenden politischen Streit um den Umgang mit der politischen Führung in Kiew ist aber auch die Sorge zu hören, dass ein Boykott die EM insgesamt und die Gastgeberrolle Polens trüben könnte. «Es besteht das Risiko, dass ein verpfuschtes Fußballfest in der Ukraine durch einen Boykott auch für uns Verlust und vergeblichen Einsatz von Kraft und Geld bedeuten würde», zeigte sich etwa Komorowski besorgt.

EM / Menschenrechte / Polen / Ukraine
03.05.2012 · 17:39 Uhr
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