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Analyse: «Eine Katastrophe» - Entsetzen bei Quelle

Fürth (dpa) - «Eine Katastrophe» - völlig schockiert reagiert der Chef des Quelle-Gesamtbetriebsrats, Ernst Sindel, am auf erste Informationen über eine Ablehnung des Rettungskredites für Arcandor.

«Wutentbrannt» sei er, schäumt Sindel: «Anders als die Industrie hat der Handel keine Lobby. Wir haben keine Abwrackprämie bekommen.» Nachdem die Politik beim Autohersteller Opel nicht hart geblieben sei, werde jetzt an den Beschäftigten von Karstadt und Quelle gnadenlos ein Exempel statuiert.

Auch wenn die Mutter Arcandor eine letzte kurze Frist erhalten soll, um einen «neuen, substanziell verbesserten Antrag» auf Rettungsbeihilfen zu stellen: Enttäuschung und Verbitterung sind groß bei den Beschäftigten von Quelle mit Sitz in Fürth. Mit enormen Anstrengungen hat das Versandunternehmen - vor einigen Jahren noch im freien Fall - die strategische Neuausrichtung auf das Internet- Geschäft geschafft. Nun droht eine Arcandor-Insolvenz die Sparte mit in den Abgrund zu reißen.

«Egal was passiert, das Tagesgeschäft wird weiterlaufen», sagt zwar Quelle-Sprecher Manfred Gawlas. Doch die Unruhe ist groß: Gerade der Versandhandel ist Vertrauenssache, und das Vertrauen der Kunden ist bei einer Insolvenz schnell verloren - ganz besonders im flüchtigen Internet. Doch genau hier liegt nach Überzeugung der Quelle-Manager die Zukunft des Versandhandels. Den großen Universalkatalog gibt es zwar noch, doch er verliert an Bedeutung; das Wachstum kommt aus dem Geschäft im Internet (E-Commerce). In der ersten Hälfte des Geschäftsjahrs 2008/09 (30.9.) verzeichnete Quelle Online-Bestellungen für 720 Millionen Euro, das waren 24 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Hinter Amazon und eBay ist Quelle nach Berechnungen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) die Nummer drei im deutschen E-Commerce. Große Hoffnungen ruhten auf dem neuen Online-Auftritt, der kürzlich nach mehrmonatigen Arbeiten abgeschlossen wurde. Er ist Teil des auf zwei Jahre angelegten Projekts «Quelle Reloaded», das auf eine umfassende Neuausrichtung des Versandunternehmens zielt.

Doch nun sehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ratlos und verunsichert in die Zukunft. Sie beklagen, dass sie im Ringen um die Karstadt-Warenhäuser nicht genügend beachtet worden seien. Dabei sei das Geschäftsmodell im Kern profitabel, versichern Geschäftsleitung und Arbeitnehmervertreter unisono.

Noch vor wenigen Jahren war die Versandsparte mit zweistelligen Umsatzrückgängen und hohen Millionenverlusten ein Sanierungsfall. Die Wende kam mit Marc Sommer, der 2006 im Arcandor-Konzern Chef des unter dem Namen Primondo gebündelten Versandgeschäfts wurde. Neckermann, das damals noch dazugehörte, wurde verkauft, das Geschäft auf Wachstumsmärkte in Mittel- und Osteuropa konzentriert. Den Beschäftigten freilich wurden viele Opfer abgefordert, immer wieder verzichteten sie auf Lohn. Allein 4500 Stellen fielen weg.

In der Primondo-Gruppe arbeiten heute knapp 20 000 Menschen in 28 Ländern. Rund 8000 von ihnen sind bei Quelle beschäftigt, davon 3000 in Deutschland; sie erwirtschafteten im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Umsatz von rund 2,9 Milliarden Euro. Hinzu kommen eine Reihe von Spezialversendern wie «hess natur», «Peter Hahn» oder «baby-walz» sowie verschiedene Servicegesellschaften. Allein im Raum Nürnberg/Fürth hängt die berufliche Zukunft von 4500 Menschen am Schicksal von Primondo. «Es geht um die Zukunft unserer Arbeitsplätze und unserer Familien», sagt die Quelle-Betriebsratsvorsitzende in Nürnberg, Beate Ulonska.

Doch nicht nur die Quelle-Beschäftigten - überwiegend sind es Frauen - sorgen sich. Auch Zulieferer sehen sich massiv bedroht - zum Beispiel der Küchen-Fabrikant Max Kempfle aus dem oberbayerischen Neuburg/Donau. Fast 90 Prozent seines Umsatzes erzielt er mit Quelle. Sollte er diesen Kunden verlieren, dann - so machte er kürzlich auf einer Kundgebung in Nürnberg deutlich - müsste er seine Firma schließen. Weitere 100 Menschen stünden auf der Straße.

Handel / Arcandor / Quelle
08.06.2009 · 22:25 Uhr
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