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Analyse: Eine Ära geht zu Ende

Edward KennedyGroßansicht
Washington (dpa) - Eine hochwertige Gesundheitsfürsorge, die ein Recht ist und kein Privileg, eine Krankenversicherung für alle - das war das Anliegen seines Lebens, wie Edward Moore Kennedy noch im Juli in einem Beitrag für das «Newsweek»-Magazin schrieb.

Mit aller Kraft, die ihm seine Krankheit noch ließ, unterstützte er die Pläne von Präsident Barack Obama. Die Umsetzung der Reform durfte er nicht mehr erleben. Im Alter von 77 Jahren starb Kennedy am Dienstagabend nach langer Krankheit. 2012 hätte er ein halbes Jahrhundert im Senat feiern können. Aber auch ohne diese Krönung reißt der Tod Kennedys eine tiefe Lücke in Washington - und nicht nur dort.

Mit dem Senator starb ein Mann, der durch sein Wirken praktisch «das Leben jedes Amerikaners mit beeinflusst hat», wie schon 2006 das «Time»-Magazin schrieb. Und es starb ein Kennedy, der letzte von drei politisch hochbegabten Brüdern, die zu einem Teil von Amerikas jüngerer Geschichte geworden sind, der insgesamt wohl letzte einflussreiche und charismatische Spross eines faszinierenden Clans - es ist das Ende einer Ära. Es war ein Politikerleben, gezeichnet von Triumph und Niederlagen, Tod und Tragik, Exzessen und einem schier unbändigen Kampfgeist. Das alles hatte sich auch schon vor dem bösartigen Gehirntumor in Ted Kennedys Gesicht eingeschrieben. Als Sozialist wurde er von seinen Gegnern gebrandmarkt, gefürchtet wegen seines enormen Einflusses in Washington, als Fackelträger des fortschrittlichen Liberalismus verehrten und bewunderten ihn seine politische Freunde. Hohen Respekt zollten ihm alle.

Viele glauben, dass Ted Kennedy sogar noch mehr Politiker-Talent besaß als seine 1963 und 1968 ermordeten Brüder, Präsident John F. Kennedy und Senator Robert Kennedy. Vor allem in den frühen Jahren seiner Karriere spürte er den Druck der Erwartung, dass er in die Fußstapfen der beiden treten und sich ebenfalls ums höchste Amt bewerben würde. Der Prominenz des Kennedy-Namens verdankte er wohl den Beginn seiner politischen Laufbahn: Der durch Johns Wahl zum Präsidenten vakant gewordene Senatssitz wurde für den Mann mit dem pausbäckigen Gesicht und dem lockigen Haar sozusagen reserviert, bis er sich 1962 um ihn bewerben konnte. Seitdem ist er sieben Mal wiedergewählt worden.

Geboren wurde der Harvard-Absolvent am 22. Februar 1932 als jüngstes von neun Kindern des wohlhabenden und einflussreichen katholischen Politikers Joseph Kennedy und seiner Frau Rose in Brookline (Massachusetts). Direkte Bekanntschaft mit der Politik machte Edward als Wahlkampfhelfer seines Bruders John im US-Westen. Nach Beginn seiner Senatskarriere zwangen ihn schwere Verletzungen bei einem Flugzeugabsturz 1964 zu einer halbjährigen Pause. Seine damaligen Erfahrungen, so schilderte er später, legten den Grundstein für seinen unermüdlichen Kampf für eine universelle Gesundheitsfürsorge. Mit den Jahren wuchs Kennedys Einfluss in Washington, aber zugleich auch sein Ruf als Lebemann, Schürzenjäger und Freund des Alkohols.

Bereits 1969 kam es zu einem Skandal, der ihm letztendlich wohl auch den Weg ins Weiße Haus verbaute. Nach einer Party verlor Kennedy auf der Halbinsel Chappaquiddick (Massachusetts) die Kontrolle über sein Auto, das in einen Fluss stürzte. Kennedy rettete sich, seine Begleiterin, die Sekretärin Mary Jo Kopechne, ertrank. Kennedy alarmierte erst zehn Stunden später die Polizei und wurde wegen Fahrerflucht zu zwei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Das holte ihn ein, als er sich schließlich 1980 um die Präsidentschaftskandidatur bewarb, gegen den demokratischen Amtsinhaber Jimmy Carter. Kennedy gab sich erst auf dem Nominierungsparteitag geschlagen. Seine damalige Rede mit der leidenschaftlichen Formulierung «die Arbeit geht weiter, die Hoffnung lebt noch, und der Traum wird niemals sterben» gilt neben dem Nachruf, den er 1968 auf seinen ermordeten Bruder Robert formulierte, als die beste in der Karriere Kennedys.

Mit Wortgewalt und Zielstrebigkeit blieb sich Kennedy, dessen Privatleben mit seiner zweiten Eheschließung 1992 stabiler wurde, Zeit seines Lebens politisch treu. Er hielt die Fahne des Fortschritts hoch. Mehr als 300 seiner Initiativen im Kongress wurden zu Gesetzen, viele davon verbesserten das Leben für die Schwachen. Kennedy kämpfte gegen die Rassentrennung, für Chancengleichheit aller ethnischen Gruppen, für eine bessere Bildung, für eine Anhebung der Mindestlöhne, für Kinder, Behinderte und die Kranken.

Er war von Anfang an ein entschiedener Gegner des Irakkrieges, den er als Bushs Vietnam brandmarkte, und er brachte mit seinem flammenden Widerstand einen Kandidaten für das höchste US-Gericht zu Fall, den er für einen Rassisten hielt. Aber der «Löwe des Senats» galt auch als Brückenbauer, bereit zur Zusammenarbeit mit den Konservativen, wenn es um die Durchsetzung wichtiger Gesetzeswerke ging. So zählte ihn «Time» 2006 zu den «zehn besten Senatoren» der US-Geschichte. Den «größten Senator der Vereinigten Staaten in unserer Zeit» nannte ihn Obama.

Porträt / USA
26.08.2009 · 15:06 Uhr
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