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Analyse: Ein Besuch der Symbole

Obama und MerkelGroßansicht
Weimar (dpa) - In das schwere eiserne Lagertor haben die Nationalsozialisten die zynische Inschrift «JEDEM DAS SEINE» eingelassen. Barack Obama passiert das Tor in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald am Freitag mit einer weißen Rose in der Hand.

Zusammen mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und dem ehemaligen Buchenwald-Häftling und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel betritt der US-Präsident einen Friedhof: 250 000 Menschen aus 36 Ländern haben die Nazis bis zur Befreiung am 11. April 1945 in das Terrorlager bei Weimar verschleppt. 56 000 von ihnen starben - an Hunger und Kälte, an Zwangsarbeit und medizinischen Experimenten. Oder sie wurden von der SS ermordet. «Der Ort ist immer noch voller Schrecken», sagt Obama.

Mit ihrem Besuch in dem ehemaligen Konzentrationslager, das für das finsterste Kapitel deutscher Geschichte steht, haben der US-Präsident und die Bundeskanzlerin ein Zeichen gesetzt: Gegen Diktatur und Terror, gegen das Vergessen, für Toleranz und Menschlichkeit. «Wir müssen wachsam sein, dass so etwas nie wieder passiert», fordert Obama nach dem Rundgang über das Lagergelände, bei dem er Elie Wiesel nicht von der Seite weicht.

Der US-Schriftsteller und Jude, der aus dem Martyrium von Buchenwald von US-Truppen befreit wurde, steht für den Kampf gegen das Vergessen der Millionen Holocaust-Opfer. Obama tritt Holocaust-Leugnern entgegen: «Dieser Ort zeigt das Gegenteil.» Es sei Sache der Lebenden, «dass diejenigen, die hier starben, nicht vergebens gehen mussten», sagt er bewegt von den Eindrücken im Krematorium des Lagers.

Ernst und fast verloren wirkten Obama, Merkel, Wiesel und der ehemalige KZ-Häftling Bertrand Herz zuvor auf dem großen, schotterbedeckten Appellplatz des Konzentrationslagers. Bedächtig näherten sie sich der Stahlplatte mit den eingravierten Namen der Nationen, aus denen die Opfer in Buchenwald kamen. Ein kurzer Moment der Stille, dann trat Obama vor und legte seine Blume ab, die anderen folgten.

An dem Ort des Grauens scheint es, als stellte der mächtigste Mann der Welt sein hohes Amt hintenan. Er wendet sich immer wieder den ehemaligen Häftlingen zu, spricht leise mit ihnen, hört zu. Buchenwald hat auch etwas mit Obamas Familiengeschichte zu tun. Der Präsident spricht von seinem Großonkel, der als 19-jähriger US-Soldat das Außenlager Ohrdruf mit befreit hatte und unter den schmerzhaften Eindrücken und Erinnerungen litt.

Lange verweilt die Gruppe im Kleinen Lager, das als Quarantänestation aufgebaut worden war und zur «Hölle von Buchenwald» wurde, weil dort besonders viele Menschen umkamen. «Hier haben wir auch ein Bild des 16 Jahre alten Elie Wiesel sehen können», erzählt Obama später. Immer wieder wendet er bei seiner kurzen Ansprache den Kopf nach rechts, in Richtung von Wiesel, der hinter ihm steht. Sein Blick geht ins Nichts, als er an die Gräuel des Nationalsozialismus erinnert, aber auch die Deutschen lobt für ihren Mut, in ihre dunkle Geschichte zu sehen.

Dann macht Obama überraschend Platz für Elie Wiesel - der für ihn die Hauptperson an diesem Ort ist. Der Friedensnobelpreisträger drückt dem Präsidenten lange die Hand, bevor er ans Mikrofon geht. Wiesel erinnert an seine Familie, die in der Vernichtungsmaschinerie der Nazis starb, an seinen Vater, der ihn im Todeskampf rief, doch er es nicht wagte, zu ihm zu kommen. Wiesel erzählt aber auch von den Hoffnungen nach der Befreiung. Dass die Welt im Angesicht des Grauens zu einem besseren, friedlicheren Platz werden würde. «Aber die Welt hat ihre Lektion nicht gelernt», sagt der 80-Jährige und mahnt eindringlich: «Es reicht, wir wollen nicht mehr auf Friedhöfe gehen!»

International / Deutschland / USA
05.06.2009 · 18:48 Uhr
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