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Analyse: Edwards - Geistiger Vater von Millionen

Weil Robert Edwards die Befruchtung im Reagenzglas entwickelte, verlor die Diagnose «ungewollt kinderlos» einigen Schrecken.Großansicht

Stockholm (dpa) - Etwa jedes zehnte Paar hat Schwierigkeiten, auf natürlichem Wege schwanger zu werden. Bis 1978 ließ sich kaum etwas gegen dieses Trauma tun. Dann kam der Donnerschlag vom 25. Juli: Die gesunde Louise Brown wurde per Kaiserschnitt geholt.

Sie ist das erste «Retortenbaby», also der erste im Reagenzglas gezeugte Mensch. Weil er die Grundlagen dafür geschaffen und praktisch umgesetzt hat, erhält der 85-jährige Brite Robert Edwards den Nobelpreis für Medizin. Inzwischen gibt es rund vier Millionen Menschen, die nach einer künstlichen Befruchtung auf die Welt kamen.

Seine ersten Ideen für die Befruchtung im Reagenzglas stammten aus den frühen 1950er Jahren, schrieb Edwards im Journal «Nature Medicine» (Bd. 7, Nr. 10, S. 1091). Titel seiner Erinnerungen: «Der holperige Weg zur menschlichen In-Vitro-Befruchtung (IVF).» Zunächst forschte er an der Universität Edinburgh mit Mäuse-Embryonen. Die Muttertiere ließen sich mit Hormonen dazu bringen, viele Eizellen zu produzieren.

Hormone sind die zentralen Steuersignale, mit denen auch der Mensch das Wachstum und die Reifung seiner Eizellen regelt. Edwards lernte in vielen Tierversuchen, die Hormone für seine Zwecke einzusetzen. Bald verlagerte sich sein Interesse weg von der Grundlagen- hin zur klinischen Forschung.

Proben menschlichen Eierstock-Gewebes erhielt er von Patientinnen der Gynäkologin Molly Rose, die auch zwei seiner eigenen Töchter zur Welt holte. Somit stand eine Quelle für Eizellen zur Verfügung - «rar und kostbar». Nach und nach zeigte sich, wie lange, bei welchen Temperaturen, mit welchen Nährstoffen oder bei welchem pH-Wert die Zellen reifen müssen.

Die Arbeit schritt voran; auch die künstliche Befruchtung des Menschen schien möglich. Mit diesem erklärten Ziel begann Edwards' Zusammenarbeit mit dem Gynäkologen Patrick Steptoe. Der war Pionier und Experte der Laparoskopie, die Patienten mit optischen Geräten in die Bauchhöhle blickt - und mit der sich Eizellen bergen lassen. «Wir arbeiteten 20 Jahre zusammen, bis zu seinem Tod [1988]. Er hat mir Medizin beigebracht», schrieb Edwards, der heute in einem Altenheim lebt.

Vermutlich hätten sich beide den höchsten Preis der Medizin auch geteilt, aber Geld, Medaille und Ruhm können vom Nobel-Komitee nicht posthum vergeben werden. Edwards lässt in «Nature» keinerlei Zweifel an der Rolle seines Gefährten: «Er wird inzwischen als der wirkliche Pionier der Endoskopie angesehen, und, natürlich, der IVF.»

Die beiden brachten das experimentelle Verfahren zur klinischen Anwendung, Steptoe «holte» die Eizellen, Edwards kultivierte und befruchtete sie. Die Zellen teilten sich mehrfach und formten so die erwünschten, frühen Embryonen, bis hin zum Acht-Zell-Stadium - von den Forschern fasziniert beobachtet. «Ich werde niemals den Tag vergessen, als ich in das Mikroskop sah und etwas Komisches in der Kultur entdeckte», erinnerte sich Edwards im Jahr 2008. «Ich blickte in das Mikroskop und was ich sah, war eine menschliche Blastozyste, die zu mir nach oben starrte.»

Das Tun der beiden blieb nicht unbeobachtet, schließlich entstand unter ihren Händen neues Leben - unter dem Mikroskop, außerhalb der Gebärmutter, abseits des natürlichen Pfades. Kritische Kirchenleute, Ethiker und Ärzte sprachen sich gegen das Leben aus dem Reagenzglas aus. Andere befürworteten es, etwa der Erzbischof in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens. Edwards: «(..) er machte sofort eine Sammlung in seiner Kathedrale, um georgische IVF-Ärzte auszubilden.»

Kritiker hingegen befürchteten fehlgebildete Babys und warfen den Medizinern vor, Material für Experimente gewinnen zu wollen. Der britische Rat für Medizinforschung (MRC) lehnte denn auch 1971 einen Antrag der beiden Forscher auf langfristige Unterstützung ab - die Arbeit wurde mit privat eingeworbenem Geld fortgesetzt. Die Embryo- Transfers begannen 1972, es klappte nicht auf Anhieb. Einmal mehr hieß es, die richtigen Hormongaben zu finden.

Die Eizelle von Lesley Brown wurde ihr im Acht-Zell-Stadium eingesetzt, es kam zur Schwangerschaft und dann zur historischen Geburt. «Es ist schwer in Worte zu fassen, was diese Geburt für mich und unser wundervolles Unterstützerteam bedeutete», so Edwards.

Der Preis für den Briten kommt nicht unerwartet, sagte der Vorsitzende des Bundesverbandes Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschland, Ulrich Hilland: «Dass Edwards den Preis bekommen hat, freut natürlich jeden, der auf dem Gebiet der Reproduktionsmedizin je geforscht und gearbeitet hat. Man muss fast schon sagen: Endlich.»

Und Mutter Lesley und Tochter Louise Brown erklärten nach der Vergabe am Montag: «Das sind fantastische Neuigkeiten, Mama und ich sind so glücklich, dass einer der beiden Pioniere der IVF die Aufmerksamkeit bekommen hat, die er verdient.» Das werden Millionen andere Eltern und Kindern ebenso sehen. Deren Einschätzung deckt sich womöglich auch mit dem Edwards zugeschrieben Wahlspruch: «Es gibt nichts wichtigeres im Leben als ein eigenes Kind.» Als Vater von fünf Töchtern muss er es wohl wissen.

Wissenschaft / Nobelpreise / Medizin
04.10.2010 · 22:08 Uhr
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