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Analyse: Die Vergangenheit holt Verena Becker ein

Karlsruhe (dpa) - Lange schon wurde der Name Verena Becker genannt, wenn vom Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback die Rede war. Es blieb allerdings stets bei hartnäckigen Spekulationen.

Handfeste Beweise gegen die frühere RAF-Terroristin gab es nach dem Blutbad 1977 in Karlsruhe nicht. Nun aber wird die 57-Jährige, die seit 20 Jahren auf freiem Fuß ist, von ihrer Vergangenheit eingeholt. Die Bundesanwaltschaft zumindest ist sich nach jahrzehntelangen Ermittlungen sicher, dass Becker am RAF-Mord am einstigen Karlsruher Behördenchef beteiligt war. Nach ihrer Festnahme in Berlin ist das düstere Kapitel des Deutschen Herbstes erneut aufgeschlagen worden.

Stück für Stück scheinen sich die Verdachtsmomente gegen Becker in den vergangenen Wochen erhärtet zu haben. Die jüngste Razzia in ihrem Haus, angeblich abgehörte Telefongespräche und mögliche am Computer verfasste Texte zum Mordfall Buback, vor allem aber DNA-Spuren auf den Briefumschlägen der RAF-Bekennerschreiben nach dem Buback- Mord überzeugten schließlich die Bundesanwälte. Becker, eine RAF-Terroristin der ersten Stunde, habe «wesentliche Beiträge zur Vorbereitung und Durchführung des Anschlags» geleistet, erklärte ein Sprecher der Karlsruher Strafverfolger am Freitag.

Erst die moderne DNA-Kriminaltechnik soll den Ermittlern die nötige Sicherheit gegeben haben, um gegen Becker vorzugehen. Denn alle anderen Verdachtsmomente vergangener Jahre brachten die Fahnder nicht weiter. Unter anderem stammten Spuren an einem Motorradhandschuh, an einem Helm und einer Jacke, die nach dem Attentat gefunden wurden, definitiv nicht von Becker. Zuletzt waren die Beweismöglichkeiten, die die bisherige Tatversion hätten erschüttern können, weitgehend ausgeschöpft.

Und die wegen des Mordes verurteilten Knut Folkerts, Christian Klar und - als Rädelsführerin - Brigitte Mohnhaupt schwiegen hartnäckig und ließen sich auch nicht durch eine angedrohte Beugehaft dazu bringen, ihr Wissen hinter Gittern preiszugeben.

Ein für die Angehörigen der Opfer schmerzhaftes Geheimnis bleibt auch nach der Festnahme Beckers: Wer feuerte am Gründonnerstag 1977 die tödlichen Schüsse auf das Auto Bubacks ab? Bislang haben die Karlsruher Juristen nach eigenen Angaben keinen Beweis, dass Becker die Schützin war. Der Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts, Michael Buback, vertritt dagegen beharrlich seine These, Becker könne geschossen haben.

Undenkbar wäre so eine Verwicklung keineswegs: Becker war 1975 durch die Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz aus dem Gefängnis freigepresst worden und in den Untergrund abgetaucht. Bei ihrer erneuten Festnahme Anfang Mai 1977 hatte sie die Tatwaffe im Gepäck, und ihr Begleiter war Günter Sonnenberg. Aus Sicht der Justiz ist er der vierte Mittäter, auch wenn er wegen einer schweren Kopfverletzung nie für den Buback-Mord vor Gericht gestellt wurde.

Doch damals schien den Ermittlern die Beweislage gegen Becker zu dünn. Wegen einer Schießerei bei ihrer Festnahme wurde Becker daher zu lebenslanger Haft wegen mehrfachen Mordversuchs verurteilt. Es folgte die «Beichte», die Becker Anfang der 80er Jahre gegenüber Verfassungsschützern abgelegt haben soll. Dabei soll sie erklärt haben, dass Günter Sonnenberg das Motorrad fuhr, Klar im Fluchtwagen wartete und Stefan Wisniewski vom Motorradrücksitz aus schoss.

Dass das Amt die Akten bis heute unter Verschluss hält, heizte Spekulationen nur noch mehr an und verstärkte die Vorwürfe gegen die Bundesanwälte. Nach ihrer Festnahme aufgrund von Spuren an uralten Schreiben dürfte die Kritik der Verschwörungstheoretiker und Angehörigen kaum geringer werden.

Nicht nur Becker droht ein Prozess, auch die Akte Wisniewskis dürfte weiter offen bleiben. Wird Becker gegen ihren einstigen Kumpanen aussagen, gegen den seit 2007 ermittelt wird? Beide, Becker und Wisniewski, waren wegen anderer RAF-Taten verurteilt worden - nicht aber wegen des Mordes an Buback und seinen zwei Begleitern.

Terrorismus / RAF
28.08.2009 · 16:55 Uhr
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