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Analyse: Die Sehnsucht nach Veränderung wächst

Wut in MoskauGroßansicht

Moskau (dpa) - An diesem schneereichen und politisch beispiellosen Protesttag in Moskau reden viele von einem möglichen neuen demokratischen Aufbruch Russlands.

gn er«Russland wird frei sein!», «Wir haben genug von staatlicher Bevormundung!», «Wir lassen uns von Putin nicht mehr als dumme Hammel behandeln!» - diese Sätze sind unter den vielen Zehntausend Demonstranten sind immer wieder zu hören. Während der Westen Weihnachten feiert, erlebten die Russen bei Minusgraden auf der Straße wieder so etwas wie eine Wendezeit.

Das sieht auch Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow so. Der tritt zwar an diesem Heiligabend auch wegen seines Alters von 80 Jahren nicht auf dem rappelvollen Sacharow-Prospekt auf, aber in einem neuen Zeitungsinterview lobt er, dass das «Freiheitsgen» der Russen lebe. Nun gilt zwar der vor allem im Westen geschätzte Gorbatschow vielen Russen als der «Totengräber der Sowjetunion», aber seine Stimme wird wieder mehr als sonst gehört.

Kernziel der Demonstranten ist die Annullierung der von Fälschungsvorwürfen überschatteten Parlamentswahl vom 4. Dezember. Außerdem fordern die enttäuschten Wähler weiter die Absetzung des Chefs der Wahlkommission, Wladimir Tschurow. Aber auch Forderungen nach einem Machtwechsel und ein Ende des «Systems Putin» machen die Runde. Die Pfeifkonzerte gegen den Regierungschef Wladimir Putin sind unüberhörbar. Er will nach der Präsidentenwahl am 4. März wie schon von 2000 bis 2008 im Kreml regieren.

Der unlängst aus der Haft entlassene Internet-Blogger und prominente Anwalt Alexej Nawalny hält eine mitreißende Rede, in der er das Volk zu weiteren friedlichen Protesten gegen den Kreml aufruft. «Wer hat hier die Macht? - Wir!» und die «Macht dem Volk!», ruft Nawalny den Demonstranten zu, die diese Losungen im Chor wiederholen. Das Volk müsse sich die bei der Wahl gestohlenen Stimmen zurückholen. Politologen trauen dem Politiker das Präsidentenamt zu.

Der Radiosender Echo Moskwy spielt zur Berichterstattung von der Kundgebung immer wieder Wendemusik der Liedermacher Wladimir Wyssozki und Andrej Makarewitsch. Die im Zentrum protestieren sind diejenigen, die sich daran erinnern, dass Gorbatschow dem Land mit seiner Politik von Perestroika (Umgestaltung) einst wie kein anderer demokratische Freiheiten brachte.

Auf der Straße sind Menschen vieler politischer Überzeugungen und unterschiedlicher Schichten - Menschen, die nach mehr als zehn Jahren unter Putin nun Veränderung wollen. Viele sind lange passiv gewesen. Viele haben bei der ersten Großkundgebung am 10. Dezember darüber gesprochen, wie sie ihre Ängste vor Polizeigewalt überwunden hätten.

«Hier sind so viele junge Leute, die sich sonst über das Internet über die Missstände in Russland aufregen. Das ist nun aber ein völlig neues Gefühl, dass sich gemeinsam etwas erreichen lässt», sagt der 27 Jahre alte Lehrer Konstantin vom Ort des Geschehens während eines Telefongesprächs. Experten warnen immer wieder davor, dass vor allem junge Menschen aus Frust über die Aussicht, unendlich von Putin regiert zu werden, das Land verlassen.

Die Demonstranten tauschen sich auch darüber aus, dass sich die russische Gesellschaft verändert habe und dass sie der «Arroganz der Machthaber» satt sei. Kommentatoren sprechen von einem neuen Selbstbewusstsein der Mittelschicht. Der einstige Gesellschaftsvertrag, bei dem das Volk als Gegenleistung für soziales Auskommen auf politische Einmischung verzichte, sei aufgelöst, heißt es.

Auch wenn an diesem winterlichen Samstag wieder Hundertschaften der eigentlich auf Einsätze gegen Terroristen und Extremisten spezialisierten Sonderpolizei OMON im Einsatz sind und bedrohlich aussehen, die Furcht weicht. Die Redner, darunter viele Intellektuelle und prominente Kulturschaffende, appellieren an die Demonstranten, den politischen Wandel zu unterstützen.

Dass nun erstmals bei einer solchen Großkundgebung auch prominente Vertreter des Establishments vertreten sind, spricht nach Meinung vieler für einen möglichen Wandel. Sowohl der Multimilliardär und Präsidentenkandidat Michail Prochorow als auch der Ex-Finanzminister Alexej Kudrin sprechen sich unerwartet deutlich für Neuwahlen in Russland aus. Das aber lehnt der Kreml bisher ab.

Wahlen / Demonstrationen / Russland
24.12.2011 · 17:02 Uhr
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