News
 

Analyse: Die Politik und die Angst vor Krankheit

Struck und PlatzeckGroßansicht
Berlin (dpa) - Oskar Lafontaine lag noch nicht einmal auf dem Operationstisch, da warf der thüringische Linken-Fraktionschef Bodo Ramelow bereits seinen Hut für den Parteivorsitz in den Ring.

Auch wenn Ramelow sich etwas missverstanden fühlt, er habe nur auf den notwendigen Generationswechsel hinweisen wollen, so zeigt die Krebserkrankung Lafontaines auch, wie gefährlich Krankheiten für Politiker sind. Und zwar nicht nur gesundheitlich. Die Politik ist ein Haifischbecken. Wer Schwäche zeigt, muss fürchten, weggebissen zu werden. Dass die Mäuse auf dem Tisch tanzen, wenn man mal ein paar Wochen raus ist.

Die Angst vor Attacken aus den eigenen Reihen oder vom politischen Gegner, aber auch der «Höhenrausch» (Buchautor Jürgen Leinemann) in der Politik führt dazu, dass Krankheiten oft ignoriert werden. Lafontaines Umgang mit seiner Krebserkrankung, die er mit drei dürren Sätzen in einer Pressemitteilung öffentlich kundgetan hatte, ist eher ungewöhnlich. Hier spielt aber vielleicht auch eine Rolle, dass er damit wilden Spekulationen um angebliche Liebschaften ein Ende bereiten wollte.

Der frühere Verteidigungsminister Peter Struck, der 2004 einen Schlaganfall erlitten hatte und lange ausfiel, machte aus seiner Krankheit ein Geheimnis. Als zehn Wochen nach dem Schlaganfall bekannt wurde, Struck erwäge nicht selbst in der Debatte über den Verteidigungshaushalt im Bundestag aufzutreten, kamen Drohungen aus Reihen der Opposition, ihn ans Rednerpult zu zitieren. Struck trat auch deshalb am 8. September 2004 selbst im Parlament auf, aber er war noch sichtlich angeschlagen. Mit seinem Auftritt wollte er den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, sagte Struck. Der Fall zeigt: Kranke Politiker können auf wenig Toleranz hoffen - auch wenn von allen Seiten Genesungswünsche kommen.

In dieses Horn stößt nun auch der Linken-Vize Klaus Ernst, der Richtung Bodo Ramelow sagt: «Es ist geschmacklos, jetzt ungefragt Namen ins Spiel zu bringen, wo wir einen amtierenden Vorsitzenden haben.» Während Struck auch trotz zweier Herzinfarkte Ende der 80er Jahre, einer Operation an der Halsschlagader im Jahr 2000 und dem Schlaganfall 2004 der Politik bis zum Herbst die Treue hielt und erst jetzt auch der Gesundheit zuliebe den Bundestag verließ, will der 66-jährige Lafontaine nach Möglichkeit weitermachen.

Politiker gehen oft ans Limit, schlafen häufig nur vier oder fünf Stunden und hören zu selten auf ihren Körper. Sie stehen stets im Licht der Öffentlichkeit, die Arbeitsbelastung ist enorm. Die Kanzler Willy Brandt (SPD) und Helmut Kohl (CDU) schleppten sich manches Mal krank zu Terminen. Kanzler Helmut Schmidt (SPD) ließ sich 1981 einen Herzschrittmacher einpflanzen - auch um danach weiterregieren zu können.

Von Angela Merkel sind zwar kaum Fehlzeiten bekannt, aber ihr Altern im Amt zeigt, wie der nie stillstehende Politikbetrieb verändert. Was passieren kann, wenn an den Körper Ansprüche im Grenzbereich gestellt werden, musste Matthias Platzeck erfahren. Bei ihm kamen plötzlich drei Ämter zusammen: SPD-Chef, Ministerpräsident und SPD-Landeschef in Brandenburg. Nach zwei Hörstürzen und einem Kreislauf- und Nervenzusammenbruch zog er 2006 die Notbremse - auf dringenden Rat seiner Ärzte. Sein Rückzug ist eher die Ausnahme - die Konzentration auf Brandenburg scheint ihm besser zu bekommen.

Neben der Angst, Macht durch Krankheit zu verlieren, ist der zweite Faktor sicher, die Berauschung am Wichtigsein, die so manchen Politiker zu wenig auf die Signale des Körpers hören lässt. Der Politikwissenschaftler Gerd Langguth hat dafür den Begriff des «Politaholic» geprägt. CSU-Chef Horst Seehofer, der selbst lange Gesundheitsprobleme ignorierte und mit einer Herzmuskelerkrankung 2002 auf der Intensivstation landete, sagte einmal: «Natürlich sind wir alle Junkies.» Der Philosoph Hans-Magnus Enzensberger verweist auf die Gnadenlosigkeit des Geschäfts: «Der Eintritt in die Politik ist der Abschied vom Leben, der Kuss des Todes.»

Vieles ist ein Tabu, etwa Depressionen, wie Kanzlerin Angela Merkel angesichts des Selbstmords von Nationaltorwart Robert Enke ungewohnt offen in der «Zeit» bekannte: «Die Politik ist immer ein Spiegel der Gesellschaft - einer Gesellschaft, in der über psychische Erkrankungen generell nicht offen gesprochen wird.» Es scheint als Tugend von Politikern zu gelten, Krankheiten lieber zu verschweigen. Ausgerechnet Peter Struck betonte aber einmal, «dass es kein höheres Gut gibt als die eigene Gesundheit».

Parteien / Linke / Gesellschaft
22.11.2009 · 21:55 Uhr
[0 Kommentare]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
 

 

News-Archiv

 
Diese Woche
24.01.2017(Heute)
23.01.2017(Gestern)
Letzte Woche
Vorletzte Woche
Top News

Weitere Themen