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Analyse: Der wahnsinnige Oberst

Muammar al-GaddafiGroßansicht

Istanbul (dpa) - Der jüngste Brief an US-Präsident Barack Obama offenbart die Geisteshaltung von Libyens Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi. «Du wirst für immer mein Sohn bleiben», säuselte der Oberst.

Dann versteift er sich auf die Behauptung, nicht seine geknechteten Untertanen, sondern das ganz Nordafrika umspannende Terrornetz Al-Kaida stehe hinter den Aufständen in seinem Land.

Gaddafi ist nicht nur der dienstälteste, sondern auch mit Abstand der schrillste unter den arabischen Herrschern. Doch so unterhaltsam seine Camping-Aufenthalte in europäischen Parks auch gewesen sein mögen. Für die libysche Bevölkerung waren seine Eskapaden schon seit Jahren bitterer Ernst. Denn Kritik am «Bruder Führer» wurde in Libyen stets mit Haft und Folter geahndet.

Gaddafi ist launisch und hält sich selbst für unfehlbar. Am liebsten hätte er nach der Machtergreifung 1969 gleich die gesamte arabische Welt mit seiner hausgemachten Volksbefreiungsideologie beglückt. Doch die Araber zeigten ihm die kalte Schulter.

Der libysche Staatschef gilt als neurotisch und aufbrausend. Er misstraut fast jedem und verlässt sich am liebsten auf die eigene Familie. Gaddafi hat sein Land in einem wilden Zickzackkurs erst von der Monarchie in eine Art Volksrepublik geführt. Dann sorgte er dafür, dass Libyen international als einer der Hauptsponsoren des Terrorismus gebrandmarkt und mit Sanktionen belegt wurde. Im Jahr 2003 verkündete er dann plötzlich, Terror und Aufrüstung seien sinnlos. Deshalb werde er nun die Unterstützung von Extremistengruppen beenden und alle Programme zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen einstellen.

Belohnt wurde Gaddafi für diese Kehrtwende mit verbesserten Beziehungen zu mehreren westlichen Staaten. Besonders eng wurde der Kontakt zu Italien, wohl auch, weil sich Gaddafi und der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi auf der menschlichen Ebene bis zuletzt gut verstanden.

Nur eine Konstante gab es in Libyen, nachdem Gaddafi und seine Getreuen im Jahr 1969 König Idris al-Sanussi gestürzt hatten: Der «Bruder Revolutionsführer», wie Gaddafi im offiziellen Diskurs genannt wird, hat immer Recht. Obwohl er kein öffentliches Amt bekleidet, ging ohne seinen Segen in Libyen in den vergangenen vier Jahrzehnten fast nichts.

Gaddafi, der 1942 als Sohn eines nomadisierenden Bauern in der Nähe der Stadt Sirte geboren wurde, liebt den Kult um seine Person. Er ließ überall im Land seine Fotos in Überlebensgröße aufhängen. Diese auf Werbetafeln platzierten Bilder, die ihn wahlweise mit cooler Sonnenbrille oder in bunten Phantasiegewändern zeigten, bildeten nun eine hervorragende Zielscheibe für die Wut der Aufständischen. Sie rissen überall im Land seine Fotos nieder, steckten die Plakate in Brand und warfen mit Steinen darauf.

Unruhen / Libyen
20.03.2011 · 00:26 Uhr
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