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Analyse: Der vergessene Süden Haitis

Die Hafenstadt Jacmel im Süden Haitis ist zur Hälfte zerstört.Großansicht
Port-au-Prince (dpa) - Eine Woche nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti gibt es die ersten einigermaßen verlässlichen Informationen über die Lage im Süden und Südwesten des Landes.

Bislang lagen vor allem aus den Städten Jacmel an der Südküste und Leogane westlich der Hauptstadt Port-au-Prince nur widersprüchliche Angaben über das Ausmaß der dortigen Schäden vor. Jetzt steht fest, dass diese Städte und weitere Orte ebenso zerstört wurden wie die Hauptstadt. Und dass auch hier sehr viele Menschen ums Leben gekommen sind. Aber erschwerend kommt hinzu: Entsprechende internatonale Hilfe ist dort noch nicht eingetroffen.

Das jedenfalls haben internationale Hilfsorganisationen festgestellt, die ihre Mitarbeiter in die Region geschickt haben, um die Lage zu erkunden. Dies sei äußerst schwierig, berichtete Stuart Coles von Plan International. Für die Fahrt nach Jacmel habe er zwölf Stunden gebraucht - vor dem Erdbeben waren es zwei Stunden. Plan International habe ein Transportschiff aus der Dominikanischen Republik nach Jacmel geschickt, das 4000 Zelte und Hunderte Notfallpakete mit Wasser, Trockennahrung, Tassen und Tellern an Bord hatte und am Montag (Ortszeit) eintraf.

Weil sich zunächst die weltweite Hilfe auf Port-au-Prince mit seinen fast zwei Millionen Einwohnern konzentrierte, kümmern sich inzwischen einige Länder und Hilfsorganisationen um die große Not in diesen Regionen. «Es gibt dort und im Landesinneren Dörfer, in denen noch kein Rettungsteam gewesen ist», berichtete Birgit Zeitler von der Deutschen Welthungerhilfe nach einer Erkundungsfahrt nach Leogane und die weiter westlich gelegene Stadt Petit Goave. In Petit Goave habe das Beben dem Meer eine Schneise geschlagen und das Ufer vernichtet: «Der Strand ist dort auf einer Breite von 40 Metern einfach abgesackt und das Meer reicht jetzt bis unmittelbar an die Häuser.»

Auch Japan und die Schweiz werden ihre Hilfe auf die Provinz außerhalb von Port-au-Prince konzentrieren. Botschafter Nobutaka Shinomiya sagte der Deutschen Presse-Agentur dpa nach seiner Rückkehr aus Leogane: «Dort ist die Lage extrem schlecht.» Japan, das fünf Millionen Dollar (3,5 Millionen Euro) Hilfe zugesagt habe, werde unter anderem 26 Militärärzte, medizinische Ausrüstung und Lebensmittel nach Leogane schicken. Er kritisierte die mangelnde Koordination der Hilfe und sagte: «Wir gehen den bilateralen Weg.» Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat bereits ein Team losgeschickt, das noch am Dienstag in Leogane eintreffen sollte.

Unterdessen begannen die Hilfsorganisationen unter der Führung der UN-Organisation OCHA mit der Verteilung von Hilfspaketen und von Trinkwasser in Port-au-Prince. Dort leben die Tausenden von Obdachlosen seit dem Beben vor einer Woche zwischen den Trümmern, auf den Straßen und freien Flächen. Die Abfallberge wachsen, obwohl einzelne Mülltransporter unterwegs sind. Damit nehmen auch die hygienischen Probleme und die gesundheitlichen Gefahren zu. Fachleute schließen den Ausbruch von Infektionskrankheiten in den kommenden Tagen nicht mehr aus.

Viele aus dem Norden zugewanderte Hauptstädter lassen sich von ihren Verwandten abholen und verlassen auf vollgestopften Lastwagen die Stadt in Richtung Norden. Die meisten Bewohner aber können nicht entkommen und richten sich in den wilden Lagern ein. Und es entsteht bereits ein kleiner Handel: Frauen verkaufen Spaghetti, Kekse, Zuckerrohrstangen und es gibt kleine Garküchen mit Holzkohle. Am Abend gegen 18.00 Uhr, wenn die Sonne untergeht, werden kleine Feuer angezündet. Dann kommt ein Priester und die Menge betet und singt. Danach ist es still und dunkel.

Erdbeben / Haiti
19.01.2010 · 23:38 Uhr
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