News
 

Analyse: Der Präsident als Zuhörer

Wulff in AfghanistanGroßansicht

Masar-i-Scharif (dpa) - Die schusssichere Weste ist ihm ein bisschen unangenehm, und den Helm setzt er lieber gar nicht auf, als er in Kabul die Transall der Luftwaffe besteigt, um nach Masar-i-Scharif im Norden des Landes zu fliegen.

Bundespräsident Christian Wulff ist nicht Karl-Theodor zu Guttenberg, der Kampfanzug als modisches Statement ist nicht seine Welt.

Auch am Abend, als sich viele hundert deutsche und internationale Angehörige der Schutztruppe Isaf im Atrium vom Camp Marmal versammeln zu Grillfleisch und Bier und Musik aus den 70er Jahren, übertreibt der Mann aus Niedersachsen die Lockerheit nicht. Er lässt die Krawatte weg, als er zu den Soldaten spricht, das ist es aber auch.

Wulff ist müde, kaum mehr als zwei Stunden Schlaf gab es auf dem Flug von Berlin nach Kabul, und trotzdem zieht er von Tisch zu Tisch, um sich die Sorgen der Deutschen anzuhören. Zweieinhalb Stunden nimmt er sich Zeit, um mit weit über 100 Soldatinnen und Soldaten persönlich zu sprechen.

Bisher hatte sich Wulff in seiner Amtszeit zum Thema Afghanistan wenig geäußert, umso akribischer wurde seine erste Reise an den Hindukusch vorbereitet. Es ist ein offizieller Staatsbesuch, im Vorfeld der großen Afghanistan-Konferenz in Bonn im Dezember. Aber der zweite Teil der 48-Stunden-Reise gehört den Deutschen im Land - und vor allem der militärischen Abteilung.

Wulff wünscht sich mehr gesellschaftliche Anerkennung für den gefährlichen Einsatz und zitiert Umfragen, wonach zwei Drittel der Deutschen das genau so sehen. Dass in anderen Umfragen etwa gleich viele einen sofortigen Rückzug der deutschen Truppen fordern, sagt er nicht.

Der Bundespräsident spielt den Soldaten in Masar-i-Scharif nichts vor, tut nicht so, als sei er einer der ihren. Alles Schneidige ist im fremd, und trotzdem kommt er an bei den Männern und Frauen in Uniform, weil er sich Zeit für sie nimmt. «Hier wird die Welt ein Stück sicherer gemacht», sagt er. Immerhin gebe es Lichtblicke, aus denen Leuchttürme für Afghanistan werden müssten. Die Menschen im Atrium hören es mit Wohlgefallen.

Natürlich hat Wulff in Masar-i-Scharif als erstes den Ehrenhain besucht, wo alle Gäste der toten deutschen Soldaten gedenken, der Gefallenen, sagt der Bundespräsident. Er spricht von «kriegsähnlichen Zuständen» - wie viele vor ihm. Neues hat er nicht mitzuteilen. Vor allem hört er den Soldaten zu, lässt sich auch von ihren privaten Lebensumständen berichten. Er rühmt die Rolle der Angehörigen zu Hause, die bei allem Risiko des Einsatzes doch auch stolz auf die Arbeit ihrer Lieben in der Ferne sind.

Am Montagmorgen dann, in aller Frühe, bekommt Wulff eine Demonstration der Gefahren, die in Afghanistan überall lauern - wenn auch nur als Übung. Deutsche Ausbilder und afghanische Polizeischüler lassen ein Fahrzeug über einen Sprengsatz fahren, es gibt Verletzte, gespielt natürlich. Der Bundespräsident, diesmal in brauner Cordhose zum Jackett, beobachtet aus der Entfernung. Das riesige Ausbildungslager der Polizei befindet sich nur zwei Kilometer außerhalb von Camp Marmal, den Weg dorthin legt die deutsche Delegation in gepanzerten Fahrzeugen zurück.

Am Ende schafft es Wulff, auch hier in Afghanistan auf sein Lieblingsthema zu sprechen zu kommen - die Rolle der Kinder und der zukünftigen Generationen. Er denkt an seinen dreieinhalbjährigen Sohn Linus und wünscht sich, dass es «irgendwann einmal» möglich sein wird, mit dem Zug oder dem Auto ganz selbstverständlich von Deutschland nach Indien zu reisen, über die Türkei, Iran, Afghanistan, Pakistan. Undenkbar ist eine solche Fahrt heute für die meisten, abgesehen von einer paar Abenteurern.

«Von diesem Land soll keine Gefahr für die Welt mehr ausgehen», sagt Wulff. Diesem Ziel dienen alle militärischen und zivilen Hilfen aus Deutschland, das ist Wulffs Credo, auch über den geplanten Abzug der internationalen Kampftruppen im Jahr 2014 hinaus.

Links zum Thema
Bundespräsident
International / Bundespräsident / Deutschland / Afghanistan
17.10.2011 · 11:03 Uhr
[0 Kommentare]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
 

 

News-Archiv

 
Diese Woche
28.03.2017(Heute)
27.03.2017(Gestern)
Letzte Woche
Vorletzte Woche
Top News

Weitere Themen