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Analyse: Der Krieg hat Damaskus erreicht

Ein Satellitenbild zeigt Rauchwolken über dem Stadtteil Qabun in Damaskus, aus dem gewalttätige Auseinandersetzungen gemeldet wurden. Foto: Digitalglobe 2012Großansicht

Damaskus/Istanbul (dpa) - Monatelang war es in Damaskus ruhig geblieben. Doch nach dem Anschlag auf das Machtzentrum der Assad-Regierung ist alles anders in der syrischen Hauptstadt.

Das Regime löst sich auf, aber es gibt sich noch nicht geschlagen. Es sind die letzten Stunden vor Beginn des islamischen Fastenmonats Ramadan. Hubschrauber kreisen über den südlichen Stadtteilen von Damaskus. Immer wieder fallen Schüsse. Voller Angst sitzen die Menschen in ihren Häusern.

Auch in den nördlichen Stadtteilen und in den Altstadt-Vierteln, die von dem blutigen Machtkampf bisher verschont blieben, wagt sich kaum jemand auf die Straße. Wo sonst Verkehrsstau herrscht, sind nur noch wenige Autos und Minibusse unterwegs. In den vergangenen Tagen, als die Gefechte Damaskus erreicht hatten, waren viele Familien zu Verwandten in Stadtteilen umgezogen, die als sicherer galten. Doch jetzt wagt sich kaum noch jemand vor die Tür.

«Geht es dir gut? Seid ihr alle zu Hause?», fragen die Menschen einander angstvoll am Telefon. Mehr möchte niemand sagen, denn die Sorge, dass der Geheimdienst mithört, ist groß. Man tauscht sich lieber in geschlossenen Gruppen im sozialen Netzwerk Facebook aus. «Sagt mal, ist der Flughafen noch geöffnet und ist die Straße dorthin noch auf?» fragt ein junger Syrer aus Damaskus, der für Donnerstagabend einen Flug gebucht hatte. Einer seiner Freunde möchte wissen, ob der Fluchtweg in den Libanon noch befahrbar ist. Ein ägyptischer Gastarbeiter beruhigt ihn: «Ich bin gestern aus Beirut gekommen, es war kein Problem, aber an der Grenze stehen sie Schlange. Viele wollen ausreisen.»

«Gibt es bei euch im Viertel noch Brot?», will eine Frau wissen. Sie ist am Morgen nicht zur Arbeit gegangen. Die Universitäten sind geschlossen. Die Abiturprüfungen wurden verschoben. Nur im Christenviertel Bab Tuma herrscht noch so etwas wie Normalität.

Das staatliche Fernsehen ist unterdessen eifrig bemüht den Eindruck zu erwecken, es sei im Prinzip alles im Lot. «Es gibt keinen Mangel an Mehl», meldet der staatliche Sender, «es gibt genug Brot in den staatlichen Bäckereien.» Danach werden wieder heroische Szenen aus der Geschichte der «Arabischen Syrischen Armee» gezeigt. Sie sollen den Zuschauern signalisieren: «Wir sind stark, wir werden siegen.»

Doch wer ist «Wir»? In den Stunden seit dem Anschlag auf den Krisenstab haben landesweit Dutzende, wenn nicht sogar Hunderte von Soldaten den Dienst quittiert. «Auch der innere Zirkel der Macht löst sich langsam auf, viele Top-Funktionäre sind im Moment dabei, Kontakte ins Ausland aufzubauen, um eine Exil-Lösung für sich und ihre Familien zu organisieren», sagt ein pensionierter syrischer General, der den Muslimbrüdern nahesteht.

Er ist zufrieden mit dem Ergebnis des Anschlags auf den Krisenstab: «Sie waren alle da, alle bis auf Mohammed Dib Seitun, den Chef der Abteilung Politische Sicherheit. Er war zum Zeitpunkt der Explosion nicht in Damaskus, weil er einen Auftrag außerhalb hatte.» Dass sich die Drahtzieher der Explosion im Herzen des Regimes mit den bewaffneten Gruppen abgestimmt haben, die kurz nach dem Anschlag in Damaskus versuchten, mehrere Polizeistationen zu stürmen, glaubt er nicht: «Der Anschlag wurde von einer Einheit für Spezielle Operationen geplant, die autonom operiert.»

Konflikte / Syrien
19.07.2012 · 22:11 Uhr
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