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Analyse: Der Frust der deutschen Griechen

Die Griechin Maria Charalampidou in ihrem Gyrosgrill in Köln.Großansicht
Köln (dpa) - Der Gyros-Grill an der Hauptstraße in Köln-Porz ist neuerdings hoch politisiert. Lieblingsthema: internationale Finanzpolitik. Während Maria Charalampidou (42) das Fleisch abschnippelt, muss sie darauf antworten, warum die Griechen nicht wirtschaften können und die Deutschen dafür zahlen sollen.

Deshalb hört sie immer gut zu, was Wolfgang Schäuble aus Berlin so an Argumenten vorbringt - aber auch die Statements aus Athen sind ihr durch Satellitensender vertraut. «Als griechische Bürger in Deutschland müssen wir doppelt zahlen», meint sie. Mit Steuergeldern und als Adresse für teils herbe Kritik.

Das ist so etwa die Stimmung unter den 350 000 in Deutschland lebenden Griechen. «Wir haben sehr viele Anrufe und Mails von Leuten, die beunruhigt sind wegen der Reaktionen in der deutschen Presse», sagt Antonios Beys, Sprecher des Verbands der griechischen Gemeinden in Deutschland. «Wir haben Eltern, die sagen, ihre Kinder werden in der Schule als Betrüger bezeichnet.»

Absolut sauer sind die Griechen auf Harald Schmidt. Der verwies in seiner TV-Show auf die im alten Griechenland praktizierte Jünglingsliebe. Das war vielleicht noch hinnehmbar. Dann aber kam's: Schmidt zeigte eine Vase, auf der ein griechischer Jüngling einem Türken zu Diensten ist. «Das hat für unsere Begriffe nichts mehr mit journalistischer Freiheit zu tun», wettert Beys. «Es geht nicht um berechtigte Kritik an Griechenland, es geht darum, wie ich etwas kritisiere.» Er will nun den Presserat anrufen.

Mancher Grieche erkennt Deutschland in diesen Tagen nicht mehr wieder. So zum Beispiel Kostas Papakostopoulos (48), Leiter des Deutsch-Griechischen Theaters in Köln. «Ich wohne hier seit 26 Jahren und hatte immer das Gefühl, als Grieche privilegiert zu sein», sagt der Regisseur. Sonne, Strand und Ouzo - es war ein harmonisches, fast kitschiges Bild einer Völkerfreundschaft. «Jetzt bin ich umso erstaunter, dass das Gemüt "meines" deutschen Volkes so schnell umschlagen kann.»

Einer seiner deutschen Freunde will anders als geplant dieses Jahr nicht nach Griechenland in Urlaub fahren. Er hat Angst vor Prügel. «Ich hab' nur gesagt: "Mensch, Klaus, was redest du denn da?»

Auch der Kölner Unternehmensberater Emmanuel Zafiris (53) wurde in seiner Stammkneipe schon gefragt: «Muss ich meine Rente nach Griechenland schicken oder kann ich sie dir direkt am Tresen geben?» Aber er kann darüber lachen und hat Verständnis für die Welle der Kritik. «Ich schätze: 90 Prozent der Selbstständigen in Griechenland betreiben Steuerhinterziehung.»

Als er neulich zur Beerdigung seiner Mutter in Griechenland war und sein Schwager vom Priester eine Quittung haben wollte, erwiderte sogar der: «Ich habe jetzt gerade keinen Quittungsblock dabei.» Der Totengräber, der 250 Euro verlangte, hätte die Schaufel sofort weggeworfen, wenn man auf einer Quittung bestanden hätte - da ist Zafiris ganz sicher.

«Wenn Sie mal durch die griechischen Jachthäfen gehen, da fallen Ihnen die Augen aus dem Kopf», sagt Zafiris. «Es gibt in Griechenland unheimlich viel Geld. Wer kein Geld hat, ist der Staat. Die Korruption geht von oben bis unten. Solange das so ist, können Griechenland auch 100 oder 200 oder 300 Milliarden nicht helfen. Und das sage ich als Grieche.»

Ähnlich sieht es die Studentin Kalliopi Ioanidou (28): «Ich kann voll verstehen, dass die Deutschen sich aufregen. Die Griechen hier in Deutschland müssen richtig hart arbeiten, und die Griechen in Griechenland bekommen gute Renten und führen voll das Lotterleben.»

Die Deutsch-Griechen, so versichern viele, sind selbst die schärfsten Kritiker ihrer Heimat. Aber sie haben jetzt Angst, dass das Klima zwischen Deutschen und Griechen auf Dauer vergiftet werden könnte. «Es geht um Stimmungsmache gegen ein ganzes Volk», beklagt Verbandssprecher Beys. Theatermacher Papakostopoulos spricht für viele, wenn er auf eine schnelle Rückkehr zur Normalität hofft: «Ich wünsche mir, dass wir bald wieder unseren gemeinsamen Ouzo trinken dürfen.»

Finanzen / Griechenland
29.04.2010 · 23:15 Uhr
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