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Analyse: Dem Mutigen gehört die Urne

Anschlag in BagdadGroßansicht
Bagdad/Mossul (dpa) - Wer an diesem Sonntag im Irak zur Urne geht, braucht nicht nur Vertrauen in die Kandidaten, deren Namen auf dem Wahlzettel stehen. Er braucht vor allem Mut. Denn schon am frühen Morgen sind in Bagdad die ersten Explosionen zu hören.

Die Terroristen und Aufständischen lassen nichts unversucht, um die Menschen abzuschrecken, die sich bei strahlendem Sonnenschein in die Warteschlangen vor den Wahllokalen einreihen. Erst am Nachmittag verstummt in Bagdad der Lärm der Granaten und Raketen.

Vor der Al-Sawari-Oberschule für Mädchen an der Palästina-Straße im Osten von Bagdad stehen Männer und Frauen getrennt an. Die meisten Frauen haben ihre Kinder mitgebracht. Zweimal werden sie nach Waffen und Sprengstoff durchsucht, bevor sie das Wahllokal betreten dürfen. Plötzlich ist draußen auf der Straße ein lauter Knall zu hören. Fensterscheiben bersten. Mehrere Frauen schreien. Kinder weinen. Ein Wächter ruft: «Habt keine Angst, es war nur eine Mörsergranate, die hundert Meter von hier entfernt ein Loch in den Asphalt gerissen hat. Niemand ist verletzt worden. Beruhigt euch!»

Langsam legt sich die Panik in dem Wahllokal, das in einem vorwiegend von Schiiten bewohnten Stadtteil liegt. Die Wähler werfen einer nach dem anderen die großen Wahlzettel in die Urne. Wer seine Stimme abgibt, bekommt einen Finger mit lilafarbener Spezialtinte gefärbt, damit er später nicht noch einen zweiten Wahlzettel ausfüllen kann.

Auch in der nördlichen Provinz Ninive, wo die Parteien der Kurden und Araber seit Jahren mit nicht immer legalen Methoden um die Vorherrschaft kämpfen, ist die Angst ständiger Begleiter der Wähler auf dem Weg zu den Urnen. «Am frühen Morgen war in den Wahllokalen viel Betrieb, aber nachdem die ersten Explosionen zu hören waren, kamen nur noch wenige Wähler», sagt Dschasim Mohammed, der Sprecher der Wahlkommission in der Provinzhauptstadt Mossul.

Der Lehrer Sabhan Hamdi (40) war gerade unterwegs zu einem Wahllokal in Mossul, als er hörte, wie im Westen der Stadt kurz hintereinander mehrere Sprengsätze detonierten. Sein Leben wollte er für die Stimmabgabe nicht riskieren: «Ich bin dann umgekehrt und zurück nach Hause gelaufen.»

Von den Wählern, die ihre Stimmen abgaben, entschieden sich einige erst in letzter Minute für einen Kandidaten. «Ich habe meine Stimme Osama al-Nudschiafi gegeben von der Al-Irakija-Liste, dazu hat mir einer der Mitarbeiter der Wahlkommission geraten», erklärt Hamdi Assad (50), der in Mossul als Metzger arbeitet. Doch auch die Angehörigen der Sicherheitskräfte beherrschen die Spielregeln der Demokratie zum Teil nicht. In Mossul versuchen schiitische Polizisten, die zur Verstärkung aus Bagdad geschickt worden sind, unentschlossene Wähler auf dem Weg zur Urne zu beeinflussen. «Wählt die Liste von Ministerpräsident Nuri al-Maliki», rufen die einen, «Gebt eure Stimme der Nationalen Irakischen Allianz (von Muktada al- Sadr und Ammar al-Hakim)», raunen ihnen die anderen zu.

Umm Salman (60) können die Polizisten nicht beeinflussen. Die resolute Rentnerin ist gegen die «US-Besatzung». Sie findet alle Kandidaten entweder korrupt, dumm oder unqualifiziert. «Eigentlich hat es keiner von ihnen verdient, von mir gewählt zu werden», schnaubt die ehemalige Köchin. Ihr helles Gesicht ist gerötet von der Anstrengung. Ihr Haar bedeckt ein Kopftuch. «Ich bin trotzdem zur Wahl gegangen, damit die Verantwortlichen von der Wahlkommission meine Stimme nicht hinterher für ihre Tricks und Betrügereien missbrauchen können», erklärt sie und trottet leise schimpfend von dannen.

In dem vorwiegend von Sunniten bewohnten Bagdader Stadtteil Adhamija, in dem es am Morgen geradezu Granaten vom Himmel regnet, gehen an diesem Sonntag besonders viele Frauen zur Wahl. Nachdem sie ihre Stimmen abgegeben haben, bleiben sie noch für einen Schwatz auf der Straße stehen. Viele von ihnen sind Witwen und Mütter von «Märtyrern» wie die 70-jährige Umm Hassan. Sie sagt: «Ich bin heute für die Seele meines Sohnes wählen gegangen, der bei einer Explosion in unserem Viertel getötet wurde. Wenn die Amerikaner nicht in den Irak gekommen wären, dann würden mein Sohn und viele andere Männer heute noch leben.»

Konflikte / Wahlen / Irak
07.03.2010 · 21:48 Uhr
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