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Analyse: Debatte um Taiwans AKW neu entbrannt

Taipeh (dpa) - Taiwan hat alles, was es zu einem Nuklear-Desaster im Stile Fukushimas braucht. Die Insel - mit 35 000 Quadratkilometern so groß wie Nordrhein-Westfalen - liegt auf dem Pazifischen Feuerring, einem Vulkangürtel, auf dem es immer wieder zu starken Erdbeben und Tsunamis kommt.

18 500 gefühlte und ungefühlte Erdbeben werden im Jahr in Taiwan registriert. Die Bevölkerungsdichte ist mit 668 Einwohnern pro Quadratkilometer sehr hoch. Kritiker bemängeln, dass Taiwans Kernkraftwerke nicht nur auf ungeeignetem Boden stehen, sondern auch, dass sie mangelhaft betrieben werden.

«In taiwanesischen Atomkraftwerken sind Techniker und Management schlampig, das ist schon ohne Erdbeben und Tsunamis gefährlich», findet Atomkraftgegner Jay Fang, Vorsitzender der taiwanesischen Green Consumers Foundation, der taiwanesische Kraftwerke mehrmals eingehend inspiziert hat. «In Japan tragen die Arbeiter saubere weiße Handschuhe, befolgen alle Regeln, die Anlagen sind außen mit schöner weißer Farbe gestrichen, doch es kommt trotzdem zur Katastrophe», fährt Fang anklagend fort.

Die Entfernung der zwei betagtesten Kernkraftwerke Taiwans, beide um die 30 Jahre alt, beträgt weniger als 30 Kilometer zur Hauptstadt Taipeh, einem Ballungsraum mit mehr als zehn Millionen Menschen. Nahe an den Jinshan und Guosheng genannten Anlagen verläuft eine Erdbebenspalte. Beide Kraftwerke wurden in der selben Ära errichtet wie das japanische Unglückskraftwerk Fukushima. Doch während in Japan 2007 die Sicherheit gegen Erdbeben durch neue Maßnahmen erhöht wurde, blieb bei den Anlagen in Taiwan alles auf dem alten Stand.

Maanshan, Taiwans drittes Kraftwerk, liegt in einem dicht bebauten Tourismusgebiet und - nach Meinung von Experten - ebenfalls gefährlich nah an einer aktiven Erdbebenspalte. Auch das vierte, noch im Bau befindliche Longmen-Kraftwerk, macht Kernkraftgegnern und einer Zahl von Wissenschaftlern Angst. Bis zu siebzig Unterwasservulkane, darunter elf aktive, liegen nach Einschätzung des Geologen Lee Chao-shing im Umkreis von 80 Kilometern um die Anlage - mehr als um irgendein anderes Atomkraftwerk auf der Welt. Ende diese Jahres soll der Meiler in Betrieb gehen.

Der Grund für die allem Anschein nach schlechte Standortwahl liegt manchen Experten zufolge nicht an vorsätzlichem Fehlverhalten - sie wussten es wohl nicht besser. «Als die Baugelände ausgewählt wurden, glaubte man, diese seien weit entfernt von aktiven Erdbebenspalten und Vulkanen», erläutert Professor Yih-Min Wu, Geowissenschaftler an Taipehs National Taiwan University, der Nachrichtenagentur dpa. «Erst im Nachhinein identifizierten und klassifizierten Wissenschaftler die Erdbebenspalten als aktiv.»

Nach seiner Einschätzung stellen die Unterwasservulkane keine ernsthafte Bedrohung dar, wohl aber Erdbeben, die sich unterseeisch am Meeresboden ereignen und Tsunamis wie in Japan auslösen. «1867 rollte eine Flutwelle über den Nordosten Taiwans, genau über den Bereich, in dem sich die Jinshan und Guosheng Kernkraftwerke befinden», warnt der Professor.

Taiwan produziert 20 Prozent seines Stroms mit Kernkraft. In einem von der Regierung jüngst unterbreiteten Vorschlag für einen Energieplan für zehn Jahre wird angeregt, die Stromproduktion durch Kohlekraftwerke zu erweitern und die Atomkraftwerke weiterlaufen zu lassen. Regierung und Betreiberfirmen der Kernkraftwerke beteuern, die Standorte befänden sich auf stabilen Granit, seien erdbebensicher und könnten einem 12-Meter-Tsunami widerstehen.

Ferner weisen sie daraufhin, dass die drei sich im Betrieb befindlichen Werke im vergangenem Jahr den Ausstoß von 30,8 Millionen Tonnen Kohlendioxid verhindert haben. Doch das sind keine Argumente, die Taiwans Atomkraftkraftgegner überzeugen. In den Augen Jay Fangs ist die kleine, dicht besiedelte Insel Taiwan auf dem Pazifischen Feuerring für die Produktion von Atomstrom denkbar ungeeignet. «Die Japaner hätten niemals solche gefährlichen Standorte gewählt. Nicht einmal China hätte das getan», glaubt Fang.

Erdbeben / Atom / Japan / Taiwan
15.03.2011 · 13:27 Uhr
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