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Analyse: Deal im Stillen

Bundesbank-Vorstand Sarrazin verlässt freiwillig die Bundesbank.Großansicht

Frankfurt/Main (dpa) - Endlich Ruhe: Um Provokateur Thilo Sarrazin möglichst schnell loszuwerden, ließ sich Notenbankchef Axel Weber am Ende sogar auf einen ungewöhnlichen Deal ein.

Deutschlands oberster Währungshüter distanzierte sich zähneknirschend von früheren Vorwürfen, Sarrazins Äußerungen zur Integration von Muslimen seien diskriminierend und beschädigten den Ruf der Notenbank. Auch ihren Antrag auf Abberufung Sarrazins zog die Bundesbank zurück.

Die Distanzierung ist nicht überzeugend, aber effektiv: Sarrazin tritt «freiwillig» und nach dpa-Informationen ohne «goldenen Handschlag» ab. Er wird nicht länger mit Thesen zu Hartz-IV- Empfängern oder Muslimen Feuerwehreinsätze der Bundesbankspitze provozieren, die sich um das Ansehen der Institution sorgt.

Zumindest nach außen hin verlässt der nicht nur bei seinem Parteichef in Ungnade gefallene SPD-Politiker die Bundesbank nun doch noch schnell im Frieden, bevor Bundespräsident Christian Wulff ihn vor die Tür setzen konnte. Gut für Weber ist daran auch: Die Gefahr langwieriger gerichtlicher Auseinandersetzungen bei einer Abberufung Sarrazins ist vom Tisch. Mancher Arbeitsrechtler sah das Recht durchaus auf Sarrazins Seite.

Einen Endlosstreit wollte sich Weber ersparen, zumal schon im Herbst 2011 der Chefsessel bei der Europäischen Zentralbank (EZB) frei wird und der Pfälzer als heißer Kandidat für die Nachfolge des Franzosen Jean-Claude Trichets gilt.

Ob Weber sich unbeschadet aus der Affäre ziehen konnte, bleibt abzuwarten. «Der Vorgang könnte auch Axel Webers Chance geschmälert haben, an die EZB-Spitze aufzurücken», schreibt der Publizist David Marsh im «Handelsblatt». «Im Ausland schüttelt man über die Bundesbank den Kopf.»

Das «ehemals allmächtige Geld-Oberhaupt» Bundesbank laufe Gefahr, «zu einer Lachnummer degradiert zu werden», schreibt Marsh: «Um die Ansichten eines mit skurriler Intelligenz ausgestatteten Beamten aus Berlin hätte sich im In- oder Ausland niemand sonderlich gekümmert. Doch Sarrazin konnte sie von seiner neuen Plattform als führende Figur einer in aller Welt hoch geschätzten Währungsbehörde propagieren.»

Für die Bundesbank ist wichtig, dass die Aufregung um Sarrazins polemischen Äußerungen und sein Fabulieren über ein Juden-Gen rasch aufhört. Das Vertrauen, das die Notenbank in der Bevölkerung genieße, sei ihr einziges Kapital, meint der Bremer Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel: «Diese Ressource muss gehegt und gepflegt werden, wie es nur geht.»

Sarrazin war erst im Mai 2009 von der Spree an den Main gewechselt. In seiner kurzen Zeit als Bundesbanker ließ er keine Gelegenheit aus, mit gewagten Thesen für Aufregung zu sorgen. Das missfiel Weber, dem aber die Hände gebunden waren: Ein Bundesbankvorstand kann nicht so einfach entlassen werden.

Mehrfach hatte die Bundesbank ihrem umstrittenen Vorstand den Weg zum freiwilligen Rückzug geebnet. Doch der 65-Jährige blieb stur. «Der Ruf der Bundesbank scheint ihm relativ egal zu sein, das ist ein Egomane», schimpfte ein Bundesbanker. Fakt ist: Die Notenbank wollte den Polit-Provokateur loswerden, um die ehrwürdige Institution endlich wieder aus der Schusslinie zu nehmen. Zu diesem Zweck waren die Notenbanker auch zu dem Deal mit Sarrazin bereit, der nun den Durchbruch brachte.

Migration / Integration / Bundesbank
10.09.2010 · 22:57 Uhr
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