News
 

Analyse: Das Phänomen «Wetten»

Rund 200 Fußballspiele stehen unter Manipulations-Verdacht. (Symbolbild)Großansicht
Hamburg (dpa) - Selbst viele Fußball-Fans scheinen «abgezockt» zu sein, wenn es um den neuen Wettskandal geht. Vielerorts Schulterzucken. War doch klar, dass das so läuft? Experten, die sich mit Wetten und anderen Glücksspielen als Gesellschaftsphänomen beschäftigen, sehen das weniger gleichgültig.

Sie kennen die kriminellen und psychologischen Auswüchse. Ihrer Ansicht nach sollte das Thema ernster genommen, in einem Land, in dem eine der beliebtesten Fernsehshows «Wetten, dass...?» heißt.

Europaweit stehen mindestens 200 Spiele im Verdacht, manipuliert worden zu sein, darunter 32 in Deutschland - von der 2. Bundesliga abwärts. Sportwetten sind schon länger nicht mehr nur etwas für schummrige Lokale und verqualmte Hinterzimmer. Seit Jahren schießen «Wettbuden» aus dem Boden. Vor allem im Internet boomt der Markt - alles sehr unübersichtlich.

Dabei ist die rechtliche Situation in Deutschland eigentlich eindeutig: Weil Glücksspiele und damit auch Wetten sehr lukrativ sind, wollen viele in diesem Geschäft mitmischen. 2006 fällte das Bundesverfassungsgericht ein bahnbrechendes Urteil. Der Staat könne sein Glücksspielmonopol behalten, wenn er genügend Maßnahmen berücksichtigt, Sucht vorzubeugen.

Jährlich hat der Staat zurzeit etwa vier Milliarden Euro Steuereinnahmen aus dem Glücksspiel. Jährlich werden in Deutschland 30 Milliarden Euro mit Glücksspiel umgesetzt, Ende der 90er Jahre waren es erst 20 Milliarden, heißt es bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen.

Nicht ohne Grund wird bei Glücksspiel gleich an die Schattenseite gedacht: Bundesweit sind je nach Untersuchung 100 000 bis 290 000 Menschen krankhaft glücksspielabhängig, weitere 150 000 bis 340 000 spielen mindestens «problematisch», sind also sehr gefährdet, süchtig zu werden, heißt es vom Fachverband Glücksspielsucht in Herford, der sich um die Belange von Spielsüchtigen und ihren Angehörigen kümmert.

Die Folgen des Phänomens sind enorm: «Glücksspielsucht ist die teuerste aller Süchte, sie verläuft meist schwer und hat die höchste Selbstmordrate, weil sie oft in der Hoffnungslosigkeit endet», sagt die Verbandsvorsitzende Ilona Füchtenschnieder.

Das höchste Suchtpotenzial haben nach ihren Angaben Automaten, die nicht nur in Spielhallen zu finden sind, sondern auch in Imbissen, Bars oder Kneipen. Dank guter Lobby-Arbeit fallen ausgerechnet sie unter das Gewerberecht, weil sie angeblich kein Glücksspiel sind, sondern «Unterhaltungsautomaten mit Gewinnmöglichkeit».

Bei etwa 80 Prozent der Süchtigen, die Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen aufsuchen oder sich in Fachkliniken behandeln lassen, sind Spielautomaten der Grund. Es folgen Kasino-Spiele und Sportwetten. Für Sportwetten sind - wen wundert's? - sportbegeisterte und junge Männer besonders anfällig, sagt Füchtenschnieder.

«Gelegenheit macht Diebe», sagt die Expertin. Will sagen: wenn es ein großes Angebot gibt, und das ist im Internet der Fall, wo man heute auch - eigentlich illegal - bei Livewetten auf die nächste gelbe Karte oder die nächste Ecke wetten kann, dann gebe es auch mehr Süchtige.

Die verantwortlichen Bundesländer müssten konsequenter «Wettbuden» schließen, sagt der Psychologe, Psycho-Therapeut und Wettsucht- Experte Jörg Petry aus Bielefeld. Darüber hinaus könnten auch zwei andere Maßnahmen helfen: Petry bringt ins Spiel, dass Banken und Internet-Provider belangt werden könnten. Schließlich wickelten sie die Geschäfte meist ab, wenn mit Kreditkarte gezahlt werde, beziehungsweise bieten den Zugang zu den illegalen Web-Angeboten.

Petry kann den Wettskandal auch historisch einordnen. Deutschland ist nach seinen Worten eigentlich ein «Lotto-Land», Sportwetten hätten nach dem Zweiten Weltkrieg lange keine große Rolle gespielt. Buchmacher durften «zur Förderung der Pferdezucht» Pferdewetten anbieten, Fußballwetten hatten eher weniger Fans. In den USA, Australien und Großbritannien sei das traditionell anders.

In den vergangenen zehn Jahren sei der Sportwetten-Markt dank «Oddset» jedoch auch in Deutschland größer geworden, sagt Petry. Eine Erklärung: «Geld und Konsum werden immer wichtiger in der Gesellschaft. Viele Menschen haben den Traum vom großen Glück.» Außerdem sei es so, dass vor allem ärmere Menschen anfällig für Wetten und damit den Glauben an den Zufall seien. Umkehrschluss: wo die Armut wächst, wird die Wettlust größer.

Fußball / Kriminalität / Wetten / Gesellschaft
23.11.2009 · 16:03 Uhr
[0 Kommentare]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
 

News-Suche

 

News-Archiv

 
Diese Woche
Letzte Woche
Vorletzte Woche
Top News

Weitere Themen