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Analyse: Das Netz stürzt sich auf die Dokumente

Berlin (dpa) - Betroffenheit, Spott, Kritik - das Netz reagiert höchst unterschiedlich auf die von Wikleaks veröffentlichten Dokumente aus US-Botschaften in aller Welt.

Mehr als 5500 Facebook-Mitglieder bekunden, dass ihnen die Veröffentlichung vertraulicher Dokumente aus US-Botschaften gefällt. In den Kommentaren finden sich vor allem solche, die die erklärten Motive des Enthüllungsportals teilen: Radikale Offenheit und Transparenz sollen eine neue Grundlage für demokratische Entscheidungsprozesse legen. «Wikileaks ist die letzte Hoffnung der Menschheit», schrieb Brendon Yost in der Facebook-Kommentarspalte.

Twitterin «annelinja» wünscht sich «eine Welt, in der Wikileaks nicht kriminalisiert werden würde, sondern Politiker souverän genug (sind), um mit Ehrlichkeit und Kritik umzugehen». Häufiger als die Idealisten aber melden sich Spötter zu Wort wie Twitter-Nutzer «extra3», der mit Blick auf die massive Kritik der US-Regierung schreibt: «Hey Amis, wozu die Aufregung? Wir haben eure Depeschen, ihr unsere Fluggast- und Banktransferdaten».

Ein breites globales Echo finden die inhaltlichen Bewertungen der US-Diplomaten, wie sie in ihren «cables» für die interne Verwendung im US-Außenministerium zum Ausdruck kommen. In Deutschland machen sich teilweise Häme und Schadenfreude Luft, wenn Internet-Nutzer die keineswegs für eine öffentliche Lektüre bestimmten Einschätzungen zu Regierungsmitgliedern lesen.

In der Türkei, in arabischen Ländern oder in Argentinien überwiegen nach Veröffentlichung der ersten Depeschen die kritischen Fragen zum Verhältnis zu den Vereinigten Staaten. Dabei ist bislang nur ein kleiner Teil der mehr als 250 000 Dokumente von Wikileaks ins Netz gestellt worden. Twitterer Ehsan Al-Kooheji gab daher zu bedenken, dass sich noch gar keine abschließende Meinung bilden lasse: «Leitartikel über #cablegate sind zum jetzigen Zeitpunkt wie Filmbesprechungen auf der Grundlage eines Trailers.»

Einen ganz anderen Zugang zu den Dokumenten hat der Berliner Netzliterat Dirk Schröder. Er sieht in den Botschaftsdepeschen den Stoff für künstlerische Erkundungen, zumindest für reizvolle Lesepfade: «Welch eitler Tand, wie unterhaltsam, ein Wörterbogen, genug für Gedichte, Jahre», notierte er in seinem Blog. «Stöbern in solchen Archiven ist der Roman als Spiel.» Im Gespräch mit dpa fügt er hinzu: «Das Interessante ist, dass das Gespräch darüber weltweit stattfindet und sich auch wieder vernetzen kann. Man weiß aber nicht, was dabei herauskommt.»

Das Netz ist nichtlinear, bahnt sich seine eigenen Wege - und ist immer begierig auf Neues. So muss Wikileaks mit immer neuen Enthüllungen aufwarten. Im Magazin «Forbes» kündigte Gründer Julian Assange an, dass die Veröffentlichung von Dokumenten aus dem Pentagon und dem State Department nur der Anfang sind. Der nächste Coup sollen Anfang des kommenden Jahres geheime Dokumente über eine große US-Bank werden. «Das wird», so stellt Assange in Aussicht, «einen wahren und repräsentativen Einblick auf die Management-Ebene geben, in einer Weise, die Untersuchungen und Reformen fördern wird».

Internet / USA
30.11.2010 · 12:41 Uhr
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