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Analyse: Das Massaker von Tremseh

Kairo/Damaskus (dpa) - Als die Regierungstruppen am Morgen kurz nach Sonnenaufgang von Westen auf das Dorf Tremseh zumarschieren, rechnet Ibrahim aus Hama mit dem Schlimmsten.

«Ich habe unsere Leute im Dorf angerufen und ihnen gesagt, dass alle Familien das Dorf sofort verlassen sollen», sagt der Aktivist. «Doch in den Feldern lauerten schon die Milizionäre, sie töteten die Menschen und warfen ihre Leichen in den Al-Asi-Fluss.» Seinen vollständigen Namen und seinen aktuellen Aufenthaltsort will Ibrahim aus Sicherheitsgründen nicht nennen.

Was sich nach Angaben der Regimegegner in den nächsten 15 Stunden zugetragen hat, belegt eindeutig, dass der Bürgerkrieg, vor dem die Diplomaten im vergangenen Jahr noch warnten, längst Wirklichkeit geworden ist. In Syrien wird heute im Namen des Regimes vergewaltigt, gemordet, gefoltert und geplündert. Und im Namen der Freiheit entführen Rebellen Funktionäre. Soldaten und mutmaßliche Unterstützer von Präsident Baschar al-Assad werden von ihnen misshandelt oder gleich erschossen.

Aus den Aussagen von Aktivisten und syrischen Menschenrechtlern lässt sich ungefähr rekonstruieren, was in Tremseh geschah, während die staatliche syrische Presse nur mit sehr unpräzisen Angaben aufwartet. So ist in einem Bericht der Nachrichtenagentur Sana von «großen Verlusten» in den Reihen der Regimegegner die Rede und von «Maschinengewehren israelischer Bauart», die angeblich bei den «Terroristen» gefunden wurden.

Etwa 250 Kämpfer - Deserteure und andere bewaffnete Rebellen - sollen sich in Tremseh aufgehalten haben, als die Offensive begann. Ein wegen der Sommerferien ungenutztes Schulgebäude habe ihnen als Waffenlager gedient, berichtet Ibrahim. Dort seien auch die ersten Granaten eingeschlagen, als die Armee um 6.00 Uhr ihre Angriffe auf die 10 000-Seelen-Gemeinde begann.

Am Vormittag hätten dann die Kämpfe begonnen, berichten mehrere Regimegegner übereinstimmend. Zivilisten, die versucht hätten zu fliehen, seien in den umliegenden Feldern massakriert worden. Der Versuch der Rebellen, den Angriff der Soldaten zu stoppen, blieb erfolglos, sie kämpften auf verlorenem Posten.

Die Soldaten kontrollierten die Ausweise der Dorfbewohner. Einige Aktivisten wurden verhaftet. Mehrere Zivilisten sollen an Ort und Stelle erschossen worden sein. Da unter den mehr als 160 Leichen, die von den Dorfbewohnern am Abend in den Straßen, Häusern und Feldern eingesammelt wurden, etwa 50 der ursprünglich 250 Kämpfer waren, muss es einem Großteil der Rebellen gelungen sein, zu fliehen oder unterzutauchen. Um 20.00 Uhr zieht die Armee aus Tremseh ab.

Daran, dass viele der Bewohner dieses sunnitischen Dorfes die Revolution unterstützen, gibt es keinen Zweifel. In den vergangenen Monaten hatte es in Tremseh mehrfach Anti-Regime-Demonstrationen gegeben. Dafür, dass an dem Massaker vom Donnerstag auch Milizionäre aus umliegenden Dörfern beteiligt waren, die der alawitischen Minderheit angehören, gibt es dagegen bislang keine stichhaltigen Beweise.

Fest steht nur, dass der Einsatz der regimetreuen alawitischen «Schabiha-Miliz» viel dazu beigetragen hat, dass von einem friedlichen Zusammenleben der verschiedenen Religionsgruppen - vor allem auf dem Land - jetzt nicht mehr die Rede sein kann. Einige Dörfer und vor allem die Christen halten sich zwar noch aus dem blutigen Konflikt heraus. Doch in den Augen der Hardliner auf beiden Seiten ist inzwischen auch Neutralität schon «Verrat».

Konflikte / Syrien
13.07.2012 · 22:12 Uhr
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