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Analyse: Das Duisburg-Desaster

Nach der Loveparade-Katastrophe: Eine Frau stellt in Duisburg an der Unglücksstelle der Loveparade eine brennende Kerze ab.Großansicht

Berlin (dpa) - Literatur, Philosophie, Psychologie und Theologie beschäftigen sich seit jeher mit Begriffen, die im Zusammenhang mit dem Loveparade-Unglück durch die Medien schwirren. Ein Überblick:

JURISTISCHE UND MORALISCHE SCHULD:

Die Frage nach der Schuld des Menschen ist uralt. In vielen Religionen spielt sie eine zentrale Rolle. Menschen suchen Schuldige, um Wut und Trauer zu kanalisieren und leichter abzubauen. «Der war's», sagen nicht nur Kinder, um von sich abzulenken. Die Suche nach dem Verantwortlichen sei im Falle der Loveparade «psychologisch wichtig, weil wir ein Rechtsbewusstsein in uns haben», sagt der Tübinger Moraltheologe Dietmar Mieth. Während sich Juristen beim Thema Schuld lediglich auf den Verstoß gegen Gesetze konzentrieren, ist moralische Schuld viel komplexer. Moralische Schuld lädt man auf sich, wenn man bei einer Handlung bewusst und nach freier Entscheidung gegen Normen verstößt. Im Gegensatz zum juristischen Bereich ist im moralischen Sinne kein schuldfreies Leben möglich. Der Philosoph Martin Heidegger (1889-1976) beispielsweise spricht vom «existenzialen Schuldigsein».

SÜHNE:

Auf die Schuld folgt oft - aber nicht immer - die Sühne, eine Strafe oder Buße. Das Schuldbekenntnis sei auch eine «Reinigung», sagt der Theologe Dietmar Mieth, und das gilt sowohl für den Schuldigen als auch für die Öffentlichkeit. Jedoch liege bei der Loveparade die Verantwortung möglicherweise bei mehreren Menschen. Der Philosoph Michael Schmidt-Salomon sagt, man müsse bei der Loveparade nach der «objektiven Verantwortung» und nicht nach moralischer Schuld fragen. «Wir machen es uns zu leicht, wenn wir Sündenböcke haben, auf die wir die Schuld abladen können.»

TRAGÖDIE:

Das Wort wird oft im Zusammenhang mit einem schrecklichen und traurigen Ereignis benutzt. Nach seiner Definition aus der griechischen Antike ist eine Tragödie jedoch ein komplexes Drama: Das Tragische ergibt sich aus einem «unausweichlichen und unlösbaren Wertekonflikt» zwischen mindestens zwei Menschen. Am Ende steht der Untergang eines Einzelhelden, der sich nicht immer etwas zuschulden kommen ließ. Der (Theater-)Zuschauer leidet mit dem Helden und erfährt dabei eine Art geistige Reinigung (Katharsis). Bei der Loveparade kann man wohl nicht von einem «unausweichlichen» Geschehen sprechen, weshalb der Begriff Tragödie eigentlich nicht passt.

TRAUER UND TRAUMA:

Trauer und Trauma sind nicht dasselbe. Der Berufsverband Deutscher Psychologen teilte nach der Loveparade-Katastrophe mit, dass Traumatisierte keine Trauerarbeit brauchen, sondern professionelle Unterstützung in der Traumabewältigung. Wer mit Traumatisierten lediglich Trauerarbeit macht, hält die Trauer aufrecht und verhindert, dass die Erfahrungen in die Biografie integriert werden. Deutliches Anzeichen für ein Trauma ist die Tatsache, dass nicht nur Erinnerungen immer wieder auftauchen, wie das bei Trauernden der Fall ist, sondern dass sich immer wieder schlimme Bilder im Kopf aufzwängen, die das gewohnte Schlaf-, Sozial- oder Arbeitsverhalten deutlich einschränken.

SCHOCK:

Das Wort kam im 18. Jahrhundert aus dem Französischen ins Deutsche. Es bezeichnet eine starke seelische Erschütterung - sie hat meistens natürliche Ursachen wie eine Verletzung oder ein schlimmes Erlebnis. Wichtig ist, dass sie nicht erwartet wurde. Jenseits der unmittelbar Betroffenen ist der Schock der Loveparade-Katastrophe wohl auch, dass viele Deutsche nicht erwarten, dass in ihrem Land, das oft für gute Organisation gelobt wird, eine Massenveranstaltung in einer Katastrophe endet. Außerdem: Es gab vorher Warnungen, auf die nicht gehört wurde. Wie konnte das passieren?

Notfälle / Loveparade / Gesellschaft
31.07.2010 · 21:21 Uhr
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