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Analyse: China und USA - voneinander abhängig

Containerterminal in ShanghaiGroßansicht

Peking (dpa) - China attackiert die «Schuldensucht» der USA, müsste sich aber eigentlich an die eigene Nase packen. Denn auf eine ähnlich ungesunde Weise ist China selbst abhängig von seinen exzessiven Exporten in die USA.

Das riesige Handelsungleichgewicht zwischen den beiden größten Volkswirtschaften zählt schon lange zu den ungelösten Probleme der Weltwirtschaft. Jetzt sollte die Angst vor einer neuen Rezession in den USA eigentlich ein «Weckruf» für China sein, sich endlich von seiner Exportabhängigkeit loszusagen und stärker auf die heimische Nachfrage zu stützen, sagen Experten.

Als größter ausländischer Kreditgeber der USA lässt China aber lieber die Muskeln spielen: «Es ist an der Zeit für die USA, den Gürtel enger zu schnallen und strukturelle Probleme zu lösen», mahnte am Montag das kommunistische Parteiorgan «Volkszeitung». Niemand könne über seine Verhältnisse leben. Da sich China um den Wert seiner Investitionen in US-Schatzanleihen - gigantische 1,152 Billionen US-Dollar - sorgt, warnt der Kommentator die USA eindringlich davor, die internationale Leitwährung zu schwächen, um ihre Ausfuhren zu verbilligen und damit ihre Wirtschaft anzukurbeln.

Der Mechanismus ist China vertraut. Der Exportweltmeister hat durch seine Handelsüberschüsse gewaltige Devisenreserven in Höhe von 3,2 Billionen US-Dollar (2,3 Billionen Euro) angesammelt. Auch um zu verhindern, dass seine Währung an Wert zulegt, kauft Chinas Zentralbank die US-Dollar von seinen Exporteuren und investiert sie in amerikanische Schatzanleihen - als strategischer Bestandteil seiner Handelspolitik. «China kann nicht aufhören, US-Dollars zu kaufen», erklärt Michael Pettis, renommierter Professor an der Guanghua School of Management an der Peking Universität.

Gerne wird das Szenario an die Wand gemalt, China könnte aufhören, in US-Anleihen zu investieren, und die USA damit politisch unter Druck setzen. Professor Pettis ist ganz anderer Meinung. «Wenn sie aufhören, US-Dollars zu kaufen, wäre das gut für die amerikanische Wirtschaft, weil es eine Verringerung des amerikanischen Handelsdefizits bedeuten würde», sagt der US-Experte. «Natürlich müsste China dann den Renminbi aufwerten und seine Wirtschaft neu ausrichten.» Chinas Führung fürchtet aber um die Arbeitsplätze in der Exportindustrie, wenn die Ausfuhren teurer werden.

Seit einem Jahr hat die chinesische Währung gegenüber dem US-Dollar nur leicht um sechs Prozent gewonnen, gegenüber dem Euro oder dem japanischen Yen sogar an Wert verloren. «Vielleicht stärkt die Sorge vor einer Pleite der USA jene in China, die eine Aufwertung befürworten, aber es gibt sehr wenig Hinweise, dass es bald geschieht», sagt Pettis. Auf Dauer gehe es aber nicht gut, wenn ein Land ständig solche Handelsüberschüsse produziere, warnt der Professor. Das andere Land könne nicht ewig mit den Defiziten leben und unbegrenzt Schulden machen, sondern sei irgendwann gezwungen, die Last seiner Verpflichtungen zu verringern - und sei es durch Inflation oder Abwertung, wie es jetzt China bei den USA befürchtet.

Um ihr Handelsdefizit mit China in Höhe von 273 Milliarden (2010) zu verringern, fordern die USA, China solle seine Währung aufwerten und den Marktzugang verbessern. Billigere Importe könnten in China auch die heimische Nachfrage fördern, die ohnehin mehr zur Wirtschaft beitragen müsste, um einem gesunden Wachstumspfad zu folgen. Selbst der neue Fünf-Jahres-Plan gibt deswegen vor, den Konsum anzukurbeln und Chinas fatale Abhängigkeit von den Ausfuhren zu verringern.

Doch für eine schmerzhafte Entzugskur scheint vor dem nächstes Jahr geplanten Generationswechsel in der Staats- und Parteiführung nicht die richtige Zeit zu sein. «China steckt in einer kritischen Phase», sagt ein europäischer Botschafter in Peking. «Wir haben einen politischen Wechsel, gleichzeitig müssen große wirtschaftliche Probleme gelöst werden.» Skeptisch gibt sich auch ein langjähriger Repräsentant eines ausländischen Unternehmens mit Milliardeninvestitionen in China: «Ich frage mich, ob sie die zunehmend gewachsene Komplexität noch in den Griff bekommen.»

Finanzen / USA / China
08.08.2011 · 23:10 Uhr
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