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Analyse: China kennt bei Atomkraft keine Gefahr

Peking (dpa) - Nirgendwo in der Welt werden so viele Kernkraftwerke gebaut wie in China. In den kommenden zehn Jahren sollen die Kapazitäten verachtfacht werden. Von Risiken ist selbst angesichts der Atomkatastrophe im benachbarten Japan nicht die Rede.

Obwohl Chinas Wetterspezialisten «aufmerksam» eine eventuelle Bedrohung des Landes durch freigesetzte Radioaktivität verfolgen, tut Premier Wen Jiabao am Montag in Peking so, als wenn nichts passiert wäre. Er schafft es, über zwei Stunden und 40 Minuten eine inszenierte Pressekonferenz abzuhalten, ohne ein einziges Mal das Nukleardrama zu erwähnen. Die Fragen waren lange vorher abgesprochen. Niemand weicht vom Drehbuch ab.

Kurz zuvor hatte der Volkskongress grünes Licht für Chinas ambitionierte Pläne zum Ausbau der Kernenergie gegeben. Der neue Fünf-Jahres-Plan wurde erwartungsgemäß angenommen. Ohnehin hat diese chinesische Version eines Parlaments, dessen 3000 Delegierten nicht frei gewählt werden, noch nie eine Regierungsvorlage abgelehnt. Der Volkskongress soll den Entscheidungen des Politbüros nur die gewünschte Legitimität verleihen.

Wer aber die Delegierten unter den riesigen Kronleuchtern in der Großen Halle des Volkes auf die Katastrophe in Japan anspricht, spürt durchaus Unbehagen und Zwiespalt. Einige mahnen zumindest zur Vorsicht. Andere sehen keine Alternative zur Kernenergie, um den steigenden Strombedarf zu decken. «Wir können nicht aufhören zu essen, weil wir Angst haben, uns zu verschlucken», sagt der Delegierte Hu Weihu, Computerwissenschaftler aus der Provinz Hunan. «China sollte auf jeden Fall zuerst an die Sicherheit denken, dann an den Nutzen», meint hingegen Lin Daopan aus der Boom-Provinz Guandong.

Alle sind sich einig, dass Atomkraftwerke nicht in der Nähe von Ballungszentren entstehen sollten. «Da sollten wir vorsichtig sein», sagt Lin Daopan. Aber China baut seine Kernkraftwerke durchaus in der nächsten Umgebung von Großstädten. Der Atommeiler Dafan wird in der Provinz Hubei bei der Stadt Xianning errichtet - 100 Kilometer von der Acht-Millionen-Metropole Wuhan. «Ich mache mir etwas Sorgen», sagt der Delegierte Zhang Bin aus Jiangsu. «Ich wünschte, die Standorte wären nicht so nahe an den Städten.»

Die zweitgrößte Wirtschaftsnation der Welt, die zwei Drittel ihrer Energie aus Kohle bezieht und seine Treibhausgase reduzieren will, braucht den Strom. «40 Gigawatt in fünf Jahren sind nicht zu viel», sagt der frühere Direktor des Energieinstituts der mächtigen Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC), Zhou Dadi, der dpa. Im Moment seien 20 bis 30 Gigawatt an Kapazitäten im Bau. «Wir könnten eine Baugeschwindigkeit von zehn Gigawatt im Jahr erreichen.»

Genau wie die Japaner, die bislang glaubten, dass ihre Kernkraftwerke sicher wären, beteuern heute die Chinesen, dass ihre Meiler sogar noch etwas sicherer seien. Die Japaner hätten Reaktoren der zweiten Generation, während China die der dritten und neuesten vierten Generation baue. Probleme mit elektrischen Kühlsystemen wie jetzt in Japan könne es da nicht geben. Vielmehr besäßen sie riesige Wassertanks, die mit Schwerkraft funktionierten. «Es ist so, als wenn sie ein Wasserklosett aufziehen», wird der Geschäftsführer des Stromversorger China Power Investment Corporation, Lu Qizhou, in Staatsmedien zitiert.

Am Ende seiner Pressekonferenz sprach der Regierungschef aber zumindest noch den Opfern der Erdbebenkatastrophe in Japan sein Mitgefühl aus. Unfreiwillig zog Wen Jiabao eine höchst treffende Parallele: «China ist wie Japan auch ein erdbebengefährdetes Land.»

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Atom / International / China
14.03.2011 · 21:54 Uhr
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