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Analyse: Bolivien gegen den Rest der Welt

Cancún (dpa) - Nachts um 3.31 Uhr hat Patricia Espinosa genug. «Die Einwände und Beschwerden werden zu den Akten genommen». Dann lässt sie den Hammer runtersausen. Klack. «Die Entscheidung ist angenommen.»

Das Klimapaket von Cancún mit Anstrengungen für weniger Treibhausgasemissionen, Milliardenhilfen für vom Untergang bedrohte Inselstaaten und der angestrebten Begrenzung der Erderwärmung auf 2 Grad ist verabschiedet. Espinosa sieht sehr blass aus.

Minutenlang hatte sie erklärt, für die Widerständler aus Bolivien blieben alle Türen offen, aber ein Land dürfe nicht die Arbeit von Jahren und ein historisches Ergebnis torpedieren. Für Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) krönt Mexikos Außenministerin mit dieser sehr offensiven Auslegung der UN-Spielregeln eine beeindruckende Konferenzleitung.

Vergessen sind die Bilder des dänischen Ministerpräsidenten Lars Lokke Rasmussen, der völlig überfordert den Gipfel in Kopenhagen ins Chaos dirigierte. Allerdings wird hinter vorgehaltener Hand in Cancún auch gefragt, ob Espinosa sich das Übergehen des Widerstands auch getraut hätte, wenn der Querulant die USA gewesen wären.

Espinosas Gegenspieler in der dramatischen Schlussphase, als alles auf der Kippe steht, ist Pablo Solón. Der Bolivianer redet ganz ruhig, im Saal Ceiba des Hotelkomplexes Moon Palace ist es still. Schlecht behandelt worden sei er, sagt der Chef der bolivianischen Delegation. So habe ihn das Sicherheitspersonal nicht durchlassen wollen. Und Espinosa habe ihm das Wort nicht erteilt. Sein Haupteinwand aber: Die Vorschläge im Entwurf seien viel zu lasch, um die Erderwärmung zu bremsen. Und so schaltet er auf stur: «Wir sind Vertreter eines kleinen Landes, aber Vertreter eines Landes mit Prinzipien.»

Ein Staat gegen rund 190 andere, so geht es stundenlang. Aus der von vielen Delegierten als «Sternstunde des Multilateralismus» gelobten Konferenz wird ein Klimapoker mit ungewissem Ausgang. Gezielt wird Espinosa bejubelt, um Solón zu bedeuten, er sei völlig isoliert. Doch er erläutert wieder und wieder seelenruhig, warum er an diesem Abend seine Meinung nicht mehr zu ändern gedenke.

Umweltminister Röttgen wartet derweil darauf, ob Bolivien mit neuen Formulierungen im Klimapaket besänftigt werden kann. Vor ihm stehen leere Sandwichkartons, der Kaffee ist aus, alle würden gerne ins Bett. Röttgen hat gegen 2 Uhr eine Vorahnung. Notfalls wird die Konferenzleitung eingreifen, um Boliviens Lamento zu beenden. Als es so kommt, spricht Röttgen von einer fast historischen völkerrechtlichen Entscheidung Espinosas. Ein einzelnes Land dürfe so einen großen Klimafortschritt nicht blockieren, betont Röttgen.

Espinosa, die in Mexiko-City eine deutsche Schule besuchte, in einem Auslandsjahr das norddeutsche Leben in Ahrensburg kennenlernte und von 2001 bis 2002 Botschafterin Mexikos in Deutschland war, macht in Cancún alles richtig. Die Außenministerin wird mit Lob und langem Beifall überschüttet. Als langjährige Vertreterin Mexikos bei den internationalen Organisationen in Wien weiß die 52-Jährige auch bestens, wie die Vereinten Nationen ticken.

Vor allem mit der Idee, eine Gruppe von rund 50 Staaten zu bilden, die bei den Verhandlungen mit Vorschlägen voranschreitet, schaffte es Espinosa, den Gipfel in Schwung zu bringen. Hinzu kam ein Kompromisspapier, das alle Positionen auf kunstvolle Weise einband und das langersehnte Fundament für einen Weltklimavertrag legen kann.

Zwar kommt durch den Kompromiss der Klimaschutz noch nicht entscheidend weiter, aber zumindest wurde der UN-Prozess gerettet. «Es macht leichte Hoffnung, dass unter dem Dach der UN nun auch die Schwellenländer wie Indien und China beginnen, ihre schädlichen Treibhausgase zu reduzieren», sagt Martin Kaiser von Greenpeace.

Ausgerechnet der mit wenigen Hoffnungen verbundene Gipfel in Cancún zeigt, dass die Vereinten Nationen beim Klimaschutz etwas bewegen können - es ist der zweite große Erfolg für die UN in diesem Jahr nach dem Durchbruch bei der Artenschutzkonferenz in Japan. Alle betonen, dass Cancún auch eine Wiederbelebung des schon totgeglaubten UN-Prozesses ist. Mexiko sei top vorbereitet gewesen, heißt es immer wieder. Nur so habe der Gastgeber ein solches, alle umfassendes Kompromisspapier ausarbeiten können.

Einen kleinen Anteil am Erfolg hat auch der deutsche Einsatz. Röttgen wirbt in Cancún für die wirtschaftlichen Vorteile des Klimaschutzes. Er hält den deutschen Vorreiterweg mit einem Minderungsziel von 40 Prozent bis 2020 und dem Bauen auf die «Green Economy» als einzig zukunftsweisenden Ansatz. «Wer erst dann einsteigt, wenn der gute Kursverlauf in den Zeitungen steht, ist zu spät dran», sagt er.

Aber, und da kann auch Mexikos Einbindung aller Parteien nicht drüber hinwegtäuschen, die EU wird nach diesem Gipfel erst recht darüber streiten, ob man nicht schleunigst das eigene Ziel bei der Minderung der Treibhausgasen bis 2020 von 20 auf 30 Prozent erhöht, um die mögliche Dynamik des Cancún-Gipfels beizubehalten. Direkt nach Gipfelende tritt der fast euphorische deutsche Umweltminister vor die Kameras und macht den Auftakt: Jetzt muss die EU rasch auf 30 Prozent gehen, sagt Röttgen und macht sich auf Richtung Bett.

UN / Klima
11.12.2010 · 20:59 Uhr
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